(griech.: apo-strophé = Ab-Wendung)

Gedankenfigur: Abwendung vom ursprünglichen Publikum, demonstrative Hinwendung zu einem (eventuell auch abwesenden oder fiktiven) Zweit-Publikum

Die Apostrophe ist eine Form der aversio (= Änderung der Perspektive des Redevorgangs hinsichtlich der drei Bestandteile der Redesituation: Redner, Redegegenstand oder Publikum):

In der sermocinatio wechselt der Sprecher in eine Rolle, in der digressio wendet er sich in einem Exkurs einem anderen Gegenstand zu.

Im allgemeinen wird die Gedankenfigur der Apostrophe in Form einer Frage, einer Anrufung, eines Schwurs, eines Gebets oder ähnlichem realisiert.

In der Rede, dem zentralen Gegenstand der Rhetorik, liegt eine Apostrophe insbesondere dann vor, wenn sich der Redner dem Parteigegner, dem Angeklagten, bestimmten Zuhörergruppen oder als anwesend vorgestellten abwesenden, transzendenten (etwa Gottheiten) oder fiktiven Personen (etwa Personifikationen) zuwendet. Die Apostrophe hinterläßt den Eindruck, der Redner sei stark erregt, zumal die Apostrophe meist pathetisch und kurz ist. So kann sie der (intendierten) Beeinflussung des Publikums dienen.

In der Literatur gibt es analoge Fälle: Im Drama spricht eine Person plötzlich nicht mehr ihr Gegenüber an, sondern andere Personen oder Instanzen, etwa das Publikum (in der sogenannten Parabase der alten griechischen Komödie). In einem Erzähltext spricht der Erzähler plötzlich den Leser an. In lyrischen Texten wird eine fiktive Person angerufen. Solche Fälle werden zum Teil auch als Apostrophen bezeichnet, vor allem dann, wenn sie auf eine bestimmte Wirkung beim Rezipienten abzielen.

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