Der Standardfall der Apostrophe in der Literatur ist die topische Anrufung der Musen oder Götter in der antiken Literatur, vor allem zur Einleitung von Oden und Epen:
Besinge mir, Gottheit, den Zorn des Peliden Achilleus [...] (Homer)
In ähnlicher Weise können natürlich auch personifizierte Abstrakta oder andere Personifikationen direkt angerufen werden:
O wild West Wind, thou breath of Autumn's being,
Thou from whose unseen presence the leaves dead
Are driven like ghosts from an enchanter flying [...] (Shelley)
Wenn eine Dramenfigur nicht anwesende, nur vorgestellte Personen oder Personifikationen anruft, liegt ebenfalls eine Apostrophe vor:
O du Stadt der Väter im Lande Theben
und ihr Götter vor uns,
getrieben werde ich und zögere nicht mehr [...] (Antigone bei Sophokles)
Einen Sonderfall stellt schließlich die Leseranrede in (auktorialen) Erzähltexten dar, da sie im Gegensatz zu den üblichen Fällen der Apostrophe nicht (unbedingt) an eine pathetisch-affektive Sprechsituation geknüpft ist. Die Leseranrede ist also strukturell, aber nicht funktional ähnlich:
Ich bitte die Leser hier, den Geist der Sanftmut jedem Laute weil unsere Worte mehr als unsere Taten die Menschen erzürnen , aber mehr noch jedem Blatte einzublasen. (Jean Paul)