Die deutschsprachige Dichtung des 16. Jahrhunderts wird vom Knittelvers geradezu dominiert, vom kunstvollen wie vom einfachen und freien:
All land syndt yetz voll heylger gschrifft
Vnd was der selen heyl antrifft,
Bibel, der heylgen vätter ler
Vnd ander der glich bücher mer,
In masz, das ich ser wunder hab
Das nyemant bessert sich dar ab, [...] (Sebastian Brant)Achtbar, weiß und günstigen herren
Euch freud unnd fröligkeit zu mehren,
Seyd das es yetz ist an der zeyt,
Zu mehren freud und fröligkeyt,
Seind wir rein kummen zu euch allen
Auff sonder gunst und wolgefallen, [...] (Hans Sachs)
In späteren Jahrhunderten ist er hingegen eher selten anzutreffen, taugt aber dazu, die Reformationszeit auch sprachlich anklingen zu lassen:
Heiße Magister, heiße Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum [...] (Goethe, Faust)
sich über die übergroße Freiheit dieses 'altmodischen' Verses lustig zu machen:
Ich wünschte euch allen eine gute Nacht.
Das Spiel habe ich Herr Peter Sq. Schulmeister vnd Schreiber zu Rumpels-Kirchen selber gemacht.
(Gryphius, Peter Squentz)
oder einen volkstümlichen, heiteren, wenn auch der Trochäen wegen etwas 'holpernden' Ton zu realisieren:
Mancher gibt sich viele Müh'
Mit dem lieben Federvieh;
Einesteils der Eier wegen,
Welche diese Vögel legen;
Zweitens: Weil man dann und wann
Einen Braten essen kann;
Drittens aber nimmt man auch
Ihre Federn zum Gebrauch
In die Kissen und die Pfühle,
Denn man liegt nicht gerne kühle.
Seht, da ist die Witwe Bolte,
Die das auch nicht gerne wollte. (Busch)