ars bene dicendi (lat.: die Kunst des guten Redens)

Die Rhetorik wurde schon in der Antike als 'ars bene dicendi' definiert. Dort, in der griechischen und römischen Antike, hat sie auch ihren Ursprung.

Die Defintion ist – dem Gegenstand durchaus angemessen – nicht ganz eindeutig. Denn Rhetorik ist sowohl als Praxis (d.h. als Erstellung und Halten von 'Reden') als auch als Theorie dieser Praxis zu verstehen, zumal beides meist Hand in Hand geht.

Die klassische antike Rhetorik ist eine zutiefst in die Lebenswelt ihrer Zeit eingebettete Praxis. Sie beherrscht(e) nicht nur den Sprachunterricht von der Antike fast bis heute (zumindest an den humanistischen Gymnasien) und die Konzeption von Literatur bis weit in die Neuzeit hinein, sondern – ursprünglich – auch das öffentliche Leben der griechischen und römischen Welt:

  1. Kunstfertige Reden hielt man in politischen Versammlungen, um die (abstimmungsberechtigte) Öffentlichkeit zu einer bestimmten Ansicht zu bringen und so ein bestimmtes (politisches) Handeln zu veranlassen.
  1. Kunstfertige Reden hielt man auch vor Gericht, um dieses zu einer bestimmten Bewertung eines Streitfalls zu bringen, also vor allem um eine Verurteilung zu erreichen oder zu verhindern.
  1. Man hielt sie schließlich auch zu festlichen Anlässen, wo es darum ging, die eigene Kunstfertigkeit als Redner zu präsentieren und einen bestimmten Gegenstand oder eine Person zu loben (selten: zu tadeln).

Während die ersten beiden Typen der Rede also direkt und strikt darauf abzielen, eine bestimmte Wirkung zu erreichen (an der sie auch gemessen werden wollen), ist der dritte Typ zwar zumeist ebenfalls anlaßbezogen, aber nicht so sehr auf eine direkte Wirkung aus. Darin ähnelt er der Poesie, die häufig diesem Typ der Rede zugeordnet worden ist.

Die alte Bestimmung der Rhetorik als 'ars bene dicendi' enthält noch eine zweite Ambivalenz: Denn wer gut zu reden weiß, muß – so der Rhetoriker – auch ein guter Mann (nur Männer waren in der Antike öffentliche Personen) bzw. Bürger sein. Vor allem antike Philosophen bezweifelten angesichts der erwähnten Wirkungsmacht der Rhetorik diese Schlußfolgerung heftigst, und seitdem kämpft die Rhetorik um ihr 'moralisches' Image: Noch heute mißtraut man gerne allzu wortgewandten Politikern oder Marketingstrategen.

Neben den derzeit populären Rhetorik-Schulungen, die auf Verbesserung der 'kommunikativen Kompetenz' von Verkäufern, Sportlern und Personalchefs abzielen, kann die Rhetorik heute auch dem Literaturwissenschaftler von Nutzen sein. Denn sie stellt ihm – vor allem durch ihre elaborierte Figuren- und Tropenlehre – ein Werkzeug zur Verfügung, die Textoberfläche poetischer Texte einer ersten Analyse zu unterziehen. Dies ist weitgehend unabhängig davon möglich, ob diese Texte selbst auf Basis einer rhetorisch fundierten Poetik oder unabhängig von einer solchen hergestellt worden sind.