Idealvorgaben sind für gewöhnlich am besten zu konturieren und zu konkretisieren, wenn man sich mit ihrem Mißlingen beschäftigt:
So läge etwa ein gravierender Verstoß gegen das (innere) aptum vor, wenn man bei der inventio eines Lobgedichts dazu kommt, sowohl den Namen des zu Lobenden als auch seine Vorfahren und seine Taten zu berücksichtigen, in der dispositio diese drei Bereiche aber nicht sorgfältigt trennt und bei der elocutio dann prompt vergißt, die Taten des zu Lobenden entsprechend hervorzuheben.Ein Verstoß ganz anderer Art gegen das (innere) aptum läge etwa dann vor, wenn man weite Teile eines Textes in korrekter und neutral darstellender Sprache verfaßt, sich aber einige 'Ausrutscher' in Dialektausdrücke erlaubt. (Derlei kann ein Versehen und somit ein Fehler, es kann aber natürlich auch bewußt auf einen bestimmten Zweck hin kalkuliert sein.)
Der wohl wesentlichste Verstoß gegen das (innere) aptum dürfte aber wohl dann vorliegen, wenn res und verba nicht zueinander passen, etwa dann, wenn ich in dem oben erwähnten Lobgedicht die Taten des zu Lobenden nicht mit den angemessenen erhabenen Worten darstelle, sondern z.B. komisch oder so, wie sie ein Gegner darstellen würde. (Auch dies kann natürlich beabsichtigt sein, wenn man die betreffende Person nicht loben, sondern gezielt herabsetzen möchte.)
Das innere aptum ist somit kaum unabhängig vom äußeren zu betrachten. Eine entsprechende Beurteilung dessen, was 'paßt', ist also kaum unabhängig vom Zweck und Gegenstand des Textes denkbar.
Wenn ich ein Publikum, von dem ich annehmen muß, daß es ungebildet ist, von einer bestimmten Sache überzeugen will, muß ich mein Vokabular und meine Syntax, mit denen ich den betreffenden Sachverhalt darstelle, dem 'Horizont' des Publikums anpassen. Eine wissenschaftlich fundierte und terminologisch exakte Darstellung der Luhmannschen Systemtheorie gegenüber einer Hauptschulklasse hat wenig Aussicht auf Erfolg, wenn dieser darin bestehen sollte, sie über so etwas zu informieren und nicht, sie zu schockieren.
Gerade das äußere aptum hat auch eine 'moralische', zumindest 'konventionell moralische' Dimension. Manche Dinge tut man einfach nicht, auch nicht mit Texten:
So schickt es sich i.a. nicht, als Redner allzu großspurig aufzutreten oder das Publikum zu beschimpfen. Manchmal ist es aber natürlich die einzige Möglichkeit, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.Bei einer Trauerfeier Witze auf Kosten des Toten zu machen, setzt ebenfalls eine schon recht komplexe Situation voraus, soll sie nicht einfach als Peinlichkeit abgetan werden.