(lat.: Kunstfertigkeit – Natur)

strukturelle Grundunterscheidung der Rhetorik: eine 'natürliche' Norm oder Basis steht einer künstlichen, bewußt gemachten Abweichung davon gegenüber

Diese strukturelle Grundunterscheidung, die quasi einen natürlichen Normalzustand einem künstlichen, willentlich gemachten und mit Zwecken behafteten Abweichungszustand gegenüberstellt, kommt innerhalb der Rhetorik auf vielen Ebenen zum Tragen.

Beispiele dafür sind etwa die folgenden:

Im Bereich der dispositio kann man etwa zwischen einer ordo naturalis (natürlichen Ordnung) und einer ordo artificialis (künstlichen Ordnung) unterscheiden. Die natürliche Ordnung entspricht dabei dem Thema, wie es sich sachlich darstellt, die künstliche der Präsentation innerhalb eines Textes, in dem man manches betonen, manches zurückstellen, einiges herausstellen, anderes weglassen oder in dem man – wie beim Erzählen von Ereignissen – die natürliche (= zeitliche) Reihenfolge vertauschen kann.

Der ganze Bereich der elocutio stellt wiederum den normalen, gewöhnlichen Ausdruck eines Sachverhalts dem rhetorisch-künstlerischen Ausdruck, der davon abweicht, gegenüber: Tropen und Figuren sind in diesem Sinne Abweichungen (ars) von der natürlichen Ausdrucksweise (natura).

Kaum vermittelt stehen sich ars und natura in Bezug auf die psychische Grundverfassung des Autors eines Textes bei der Textproduktion gegenüber. Hier unterscheidet man ars und ingenium.