Dieser durchaus variierbare und dem Gegenstand anzupassende Grundaufbau jeder Rede ist
in zwei für den Literaturwissenschaftler relevante Bereiche übertragbar:
(1) Da große Bereiche der abendländischen Literatur von rhetorischen Grundprinzipien
geprägt sind, ist vielen literarischen Texten auch der Grundaufbau der Rede
eingeschrieben.
(2) Derselbe Grundaufbau kann auch zur Richtschnur für die eigene Textproduktion
(nicht nur) des Literaturwissenschaftlers werden, denn wissenschaftliche Arbeiten gewinnen
i.a., wenn sie sich diesem Aufbau unterordnen.
Die Rhetorik unterscheidet grundsätzlich vier Teile einer Rede bzw. eines Textes:
- Das exordium (lat.: Anfang), d.i. die Einleitung: Im exordium
weist der (klassische) Redner auf die Bedeutung seines Gegenstandes hin, er möchte
Aufmerksamkeit für diesen und sich selbst erwecken, und er versucht, das Wohlwollen der
Zuhörer bzw. Leser zu erringen. Das exordium dient vor allem dem delectare.
(Die Einleitung einer wissenschaftlichen Arbeit sollte dementsprechend zum Thema
hinführen und dessen wie auch immer geartete Bedeutung versichern. Üblicherweise
schließt sich daran eine grobe Gliederung des Folgenden an.)
- Die narratio (lat.: Erzählung), die zusammen mit der
argumentatio den Hauptteil bildet, umfaßt alle rein darstellenden Teile des Hauptteils
einer Rede oder eines Textes. In ihr sollen möglichst knapp und präzise das Thema selbst
und alle zum Thema gehörigen Sachverhalte dargestellt, berichtet oder eben 'erzählt'
werden. Üblicherweise werden auch gegebenenfalls eingebaute Digressionen
(= Abschweifungen) oder Exkurse diesem Darstellungsteil und seinen Prinzipien zugeordnet.
Die narratio dient vor allem dem docere.
- Die argumentatio (lat.: Beweisführung), die den Hauptteil
vervollständigt, ergänzt die rein darstellenden Teile der narratio: Sie gliedert das
Thema, sie formuliert Thesen und Schlußfolgerungen, für die sie wiederum argumentiert.
Diese Argumentation oder Beweisführung geschieht durch die Ausdeutung der (dargestellten)
Sachverhalte, durch die Anführung von Belegbeispielen, allgemeinen Grundsätzen usw. und
durch den Vollzug (logischer oder scheinbar logischer) Schlußfolgerungen. (Der Hauptteil
einer wissenschaftlichen Arbeit sollte dementsprechend sowohl möglichst klare
Darstellungen als auch die Formulierung von belegten oder plausibel gemachten Thesen und
Schlußfolgerungen umfassen.)
- Die peroratio (lat.: Schlußrede) schließlich bildet den
(krönenden) Abschluß einer Rede oder eines Textes: Hier faßt der (klassische) Redner
noch einmal die wesentlichen Thesen, Punkte und Aspekte des Hauptteils zusammen. Entweder
läßt er diese für sich selbst sprechen oder er versucht zusätzlich, die zentralen
Punkte gerade seiner Darstellung des Themas dem Publikum gegenüber zu
verdeutlichen, auch um dieses zu einer bestimmten Einstellung zu bewegen. Die peroratio
tendiert also unter den Redeteilen am meisten zum movere. (Darauf,
nicht aber auf die synthetisierende und abschließende Zusammenfassung der Ergebnisse aus
dem Hauptteil kann die Zusammenfassung am Ende einer wissenschaftlichen Arbeit
verzichten.)