Die europäische oder abendländische Literatur der hellenistisch-römischen Antike, des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (bis weit ins 18. Jahrhundert hinein) neigte immer wieder mehr oder minder stark dazu, die klassische (aus der Antike tradierte) Rhetorik als ihre Poetik anzusehen bzw. sie zu einer solchen zu transformieren oder zu erweitern.

Diese Verwendung der Rhetorik als Poetik betrifft vor allem den Aspekt der Produktion von Literatur.

Erst durch die Entwicklung einer 'modernen' Ästhetik im 18. Jahrhundert wird diese Anbindung der Poetik an die Rhetorik durch andere Maßstäbe ersetzt: Die traditionelle Poetik als (mindestens ansatzweise vermittelbare) Lehre von der kunstgemäßen Herstellung von poetischen Texten hat ausgedient. An ihre Stelle treten individualistische und subjektivistische Konzeptionen von 'Dichtung' und Kunst, der man nunmehr Autonomie zuspricht.

Zur näheren Erläuterung dieses Um- oder Ausbaus der Rhetorik zur Poetik sollen hier vier Aspekte näher beleuchtet werden: