(lat.: Nachahmung der Alten)
produktionsästhetisches Grundprinzip: Orientierung bei der Textproduktion an vorbildhaften Mustertexten oder Textmustern (aus der Antike)
Die imitatio veterum stellt neben der Mimesis (griech.: Nachahmung oder Nachbildung, gemeint: der Natur) das zweite produktionsästhetische Grundprinzip der Dichtung dar, das seinen Ursprung bereits in der Antike hat. Das eine Nachahmungsprinzip (Mimesis) geht auf die 'Poetik' des Aristoteles zurück, das andere (imitatio veterum) auf die 'Poetik' des Horaz. Beide Prinzipien waren bis weit in die Neuzeit hinein weitgehend gültig und auf verschiedene Weise miteinander vermittelt.
Die imitatio veterum fordert vom Dichter und Schriftsteller die Ausrichtung auf als vorbildhaft anerkannte und anzuerkennende Textmuster oder Mustertexte, die ein vergangenes 'klassisches' Zeitalter zu bieten hat, denn nur so könne die Qualität und Wirkung auch der eigenen, gleichsam 'spätzeitlichen' Textproduktion sichergestellt werden. So sind z.B. Großteile der lateinischen Literatur auf klassische griechische Vorbilder ausgerichtet und Großteile der frühneuzeitlichen Literatur des Abendlandes auf die klassischen lateinischen und die griechischen Vorbilder.
In diesem Sinne ist die imitatio veterum durchaus auch als eine (allerdings vor allem in ihrer Funktion recht spezifische) Form von Intertextualität anzusehen.
Eine bedeutende Variante der imitatio, die sogenannte aemulatio (lat.: Nacheifern, Wettstreiten), die nicht auf bloße Nachahmung, sondern auf eine Art spielerischen Wettstreit mit dem Vorbild abzielt, das zu übertreffen sich der nachgeborene Dichter anschickt, macht die Ausrichtung der imitatio veterum deutlich und setzt sie von bloßer Epigonalität ab.
Das Ende der universalen Gültigkeit der imitatio veterum ist aber ebenfalls damit verknüpft: Denn in der sogenannten querelle des anciens et des modernes (frz.: Streit der Alten und der Modernen/Neuen), die gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Frankreich einsetzte, begannen die 'Modernen' gegen den absoluten Vorrang der 'Alten' aufzubegehren. Doch erst mit der Genieästhetik der Goethezeit wird die imitatio endgültig verabschiedet.
Seit ihrer Einführung als produktionsästhetisches Grundprinzip ist die imitatio veterum eng mit der Rhetorik verknüpft, die sowohl den Rahmen der Nachahmung der Vorbilder absteckt, deren Vorbildhaftigkeit ebenso garantiert wie transportiert und die zudem, etwa mit ihrer ornatus-Lehre, ihrer Stillehre oder Topik, Regeln und Strategien für die Orientierung an den Vorbildern liefert.