Im Rahmen der Übernahme von Vorgaben aus der klassischen Rhetorik in den Bereich der Poetik (im Sinne regelgeleiteter Herstellung von Poesie) wird auch die Lehre von den drei Stilniveaus (genera dicendi) für die Dichtung bedeutsam, insbesondere dann, wenn sie sich mit der Lehre vom aptum verbindet.

Die bekannteste Auswirkung dieser Übernahme dürfte wohl die Ständeklausel der frühneuzeitlichen Dramatik sein, die für Tragödien hohes, fürstliches Personal, entsprechend starke Leidenschaften samt einer großen 'Fallhöhe' und eine pathetische Sprache fordert. Für die 'niederen' dramatischen Gattungen wie das volkstümliche Schauspiel oder den Schwank, für das christliche Legendenspiel usw., aber auch für die Komödie bleiben hingegen die niedrigen Stilniveaus mit dem entsprechenden Personal und seinen Leidenschaften reserviert.

Doch nicht nur die dramatische Literatur wird nach diesem Muster unterteilt, die Tendenz besteht bis weit ins 18. Jahrhundert hinein, Literatur nach der Trias von Stilebene, Personal und Leidenschaften zu klassifizieren bzw. schon zu produzieren.

Vorbild dafür bietet die mittelalterliche rota Virgilii, die den drei überlieferten Werken Vergils je ein Stil- und Personalniveau zuweist: den "Eklogen" mit seinem Personal aus Schäfern und seinen idyllisch-ruralen Sujets das genus humile, den "Georgica" mit seinem Personal aus Bauern das genus medium und dem Epos "Aeneis" mit seinem mythisch-hohen Personenkreis und den großen Leidenschaften und hohen Werten das genus grande.

Dementsprechend wird in der Folge traditionelle idyllische Literatur der niedrigen Stilart zugewiesen, während das Epos ebenso wie die Ode per se den Vorgaben des genus grande zu folgen hat. Um so schwerer war es denn auch für den Roman, sich aus seinen – niedrigen Stilniveaus verpflichteten – Ursprüngen zur anerkannten Kunstform zu erheben.