Poetische Metaphern – oder genauer: in poetischen Texten gebrauchte Metaphern – zeichnen sich für gewöhnlich dadurch aus, daß sie nicht auf eine bekannte, etablierte und allgemein anerkannte Ähnlichkeitsbeziehung zurückgreifen, sondern daß sie – realisiert durch die Metapher – eine neuartige, noch nicht bekannte und wohl auch kaum voll erfaßbare Ähnlichkeitsbeziehung herstellen. Darin besteht wohl der 'Witz' von Metaphern.

Der semantische Bruch bzw. die 'semantische Konterdetermination' von (uneigentlich gebrauchtem) Text und (eigentlich gebrauchtem) Ko-Text bleibt natürlich auch in diesen Fällen grundsätzlich bestehen, das Konnotations- und Assoziationspotential des uneigentlichen, bildlichen Ausdrucks scheint sich aber gerade in solchen Fällen auch auf den eigentlichen Ko-Text auszudehnen; und dies wohl gerade dann, wenn die zugrundeliegende Ähnlichkeitsbeziehung nicht mehr wirklich zu fassen ist.

Die folgende Metapher vom Kork ist sicherlich noch aufzulösen, wenn man an die Funktion des Korken bei Flaschen denkt:

Ich und Mich sind immer zu eifrig im Gespräche: wie wäre es auszuhalten, wenn es nicht einen Freund gäbe? Immer ist für den Einsiedler der Freund der Dritte: der Dritte ist der Kork, der verhindert, dass das Gespräch der Zweie in die Tiefe sinkt. (Nietzsche, Zarathustra)

Bei 'kühnen Metaphern' hingegen ist nur noch mit größter Mühe ein kaum zu fixierender Vergleichspunkt auszumachen – und dennoch scheint die Metapher ein stimmiges Bild hervorrufen zu können:

Gottes Schweigen / Trank ich aus dem Brunnen des Hains. (Trakl)

Der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis. (Heym)

'Absolute Metaphern' hingegen liefern dem Leser kein stimmiges Bild mehr, da hier der ersetzende metaphorische Ausdruck semantisch zu nah am ersetzten Ausdruck angesiedelt und doch im eigentlichen Wortsinne nicht zu verstehen ist:

das blaue Reh (Trakl)

die schwarze Milch der Frühe (Celan)

Natürlich sind Metaphern – gerade wegen ihrer syntaktisch variablen Präsentationsform – nicht auf kleinste Textabschnitte beschränkt, sondern können über Satzteile und Sätze hinaus ausgedehnt werden. (Weit) ausgedehnte Metaphern können und sollten jedoch als Allegorien bezeichnet werden.