Die Metapher vom 'Staatsschiff' z.B. ist schon in der antiken Literatur topisch geworden. Wird sie ausgebaut, so kann die ausgedehnte Metapher leicht in eine Allegorie übergehen. Der Kreon aus Sophokles' "Antigone" z.B. spricht in seinem Eingangsmonolog schon vom "wilden Sturm", der die Stadt bedroht hat, von sich selbst als "Steuermann" des Staats, bevor er erklärt,

daß / die Heimat uns beschützt und nährt: auf diesem Schiff
fahren wir sicher und erwerben Freunde uns.
Also gesinnt denk' ich zu mehren diesen Staat.

Schnell kehrt der Sprecher also wieder auf die eigentliche Ebene zurück.

Schon ausgedehnter, und somit deutlich als (gemischte) Allegorie erkennbar, äußert sich Schillers "Wallenstein" über die, die ihn im Stich lassen, zumal er gleich zwei verschiedene unterschiedliche Bildbereiche aufeinander folgen läßt:

War ich ihm, was er mir? Das Schiff nur bin ich,
Auf das er seine Hoffnung hat geladen,
Mit dem er wohlgemut das freie Meer
Durchsegelte, er sieht es über Klippen
Gefährlich gehn und rettet schnell die Ware.
Leicht wie der Vogel von dem wirtbarn Zweige,
Wo er genistet, fliegt er von mir auf,
Kein menschlich Band ist unter uns zerrissen.

Eine vollständige, wenn auch kurze Allegorie stellt etwa Schillers Epigramm "Erwartung und Erfüllung" dar:

In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling,
Still, auf gerettetem Boot treibt in den Hafen der Greis.

Genauso können ganze Texte, etwa Hofmannsthals "Jedermann" als Allegorien aufgefaßt werden, da – ähnlich wie bei diesem Epigramm – aufgrund des Äußerungskontextes anzunehmen ist, daß nicht (nur) das Gesagte gemeint ist. Zur Ausdeutung solcher Allegorien bieten (topische) Ähnlichkeitsrelationen und konventionalisierte Deutungsstrategien die Grundlage.

Ausschließlich die Findigkeit und Vorstellungskraft des Lesers hilft bei der Auflösung von bewußt verdunkelten Allegorien, die mithin als Rätsel aufzufassen sind, denn das mit der folgenden "Schlange" der Blitz gemeint ist, ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich:

Unter allen Schlangen ist eine,
Auf Erden nicht gezeugt,
Mit der an Schnelle keine,
An Wut sich keine vergleicht.

Sie stürzt mit furchtbarer Stimme
Auf ihren Raub sich los,
Vertilgt in einem Grimme
Den Reiter und sein Roß.

Sie liebt die höchsten Spitzen,
Nicht Schloß, nicht Riegel kann
Vor ihrem Anfall schützen,
Der Harnisch – lockt sie an.

[...] (Schiller, Parabeln und Rätsel)