Deutungsstrategie: Annahme und Deutung einer oder mehrerer (versteckter) Bedeutungsebenen eines Textes neben seiner wörtlichen Bedeutungsebene
Die Allegorese stellt somit quasi das Pendant der Allegorie auf der Seite des Rezipienten dar: Denn wie die Allegorie eine eigentliche und eine uneigentliche Textebene aufweist, so geht die Allegorese von einer solchen Doppelung der Textebenen aus und nimmt neben dem Wortsinn des Textes (sensus litteralis) eine oder mehrere weitere Bedeutungsebenen an (sensus spiritualis).
Diese wiederum sind der Tradition der Allegorese entsprechend stark konventionalisiert und bezogen auf die Annahme eines 'mehrfachen Schriftsinns' biblischer Texte. Denn neben der antiken Philologie fand die Allegorese vor allem in der spätantiken, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bibelexegese Verwendung.
Ein wichtiges auf religiöse Texte bezogenes Textauslegungsschema unterscheidet etwa neben der wörtlichen Aussage eines Textes drei nicht-wörtliche Text-, Sinn- und Deutungsebenen: die allegorische, die tropologische und die anagogische oder eschatologische.
Als Verfahren ist die Allegorese grundsätzlich problematisch, da sie unabhängig ob der zu deutende Text dies verlangt oder wirklich zuläßt zum Einsatz kommen und Geltung beanspruchen kann. Sie kann so dazu beitragen, Textbedeutungen zu etablieren, die eher mit den Überzeugungen des Exegeten als denen des Autors zu tun haben. Und sie kann helfen, die Positionen des Text-Deuters zu stärken, da nur er und seinesgleichen den 'verborgenen' Sinn hinter der eigentlich-wörtlichen Textebene erkennen, verstehen und auslegen können.