Der mehrfache Schriftsinn biblischer (oder anderer christlich-religiöser) Texte war vor allem ein unterstellter vierfacher Schriftsinn: Neben, genauer 'hinter', der wörtlichen Ebene nimmt man drei weitere mögliche Bedeutungsebenen an, die der (theologisch) ausgebildete Exeget ausfindig machen kann: Die allegorische Bedeutungsebene umfaßt konventionalisierte und allgemeine Allegorien, die tropologische (griech. soviel wie: die Moral betreffende) zielt eher auf ethische Aspekte ab, während die anagogische (griech. anagogé = Abfahrt) Bedeutungsebene vor allem die eschatologische (griech. soviel wie: das Ende betreffende) Dimension des Textes einzufangen bestrebt ist.
So liefert die Annahme eines solchen vierfachen Schriftsinns für das Wort 'Jerusalem' die folgenden Bedeutungen:
1. die historisch-reale Stadt Jerusalem (wörtl.)
2. die Kirche Christi (alleg.)
3. die Seele des Menschen (tropolog.)
4. das Himmelreich (anag./eschat.)
Aber natürlich sind nicht alle allegoretischen Textauslegungsverfahren so komplex.
Ein völlig anderes Beispiel liefert etwa die Annahme, daß es sich bei einem Roman um einen (dann eben mit einer zusätzlichen, ganz konkreten Bedeutungsdimension ausgestatteten) sogenannten 'Schlüsselroman' handelt. So kann man z.B. den 'Campus'-Roman des Hamburger Anglisten Schwanitz als traditionelle campus-novel lesen, man kann (als Hamburger Universitätsangehöriger oder Bildungspolitiker) aber vielleicht darin auch sich selbst oder andere wiedererkennen, insbesondere dann, wenn man die Hamburger Verhältnisse und die beteiligten Personen kennt, also über Insider-Wissen verfügt.