Jeder Fehler stellt eine Abweichung von einer Norm dar, egal ob es sich dabei um einen Webfehler, einen Sprechfehler, einen Orthographiefehler, eine Verhaltensstörung oder um anderes dieser Art handelt. Immer wird durch den Fehler sichtbar eine Norm vorausgesetzt, angenommen oder hypostasiert, deren Nichterfüllung auffällt.
Innerhalb der Literatur bzw. der Literaturwissenschaft handelt es sich natürlich um sanktionierte Abweichungen, die somit zwar als Auffälligkeiten bestehen bleiben, aber eben nicht als Fehler sanktioniert werden.
So kann sich ein Arno Schmidt erlauben, was keinem Viertklässler gestattet wird, nämlich abweichend von der normalen Orthographie "fertich" statt "fertig" zu schreiben.
Poetische Abweichungen auf der Ebene der Phonetik stellen etwa die Tonbeugungen dar.
Abweichungen auf der syntaktischen Ebene kennen wir von den rhetorischen Figuren (etwa dem Anakoluth), solche auf der semantischen Ebene von den Tropen (etwa der Metapher) und solche auf der pragmatischen Ebene von den Gedankenfiguren wie etwa der sermocinatio.
Weitgehend unabhängig von solchen auf die Beschreibung von Textstellen abzielenden Konzeptionen, kann man die Norm-Abweichung-Dichotomie aber auch benutzen, um die Trias von erzählenden, dramatischen und lyrischen Texten zu fundieren, indem man erstere als primär semantisch, zweitere als primär pragmatisch und letztere als primär syntaktisch abweichend auffaßt (so bei Harald Fricke).
Noch fundamentaler ist die Annahme, daß Literatur prinzipiell als Abweichung von der sprachlichen Norm anzusehen ist.