Die beiden bekanntesten Verfremdungskonzeptionen, die in der Literaturwissenschaft einschlägig sind, stammen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und sind dementsprechend spezifisch modern.

Die russischen Formalisten (eine literaturtheoretische Schule aus der Anfangszeit der SU) etwa nutzten das Konzept der Verfremdung zur Beschreibung literaturhistorischer Entwicklungen: Innovative Autoren setzen sich – durch diverse Verfremdungs- oder Abweichungsstrategien – von ihren Vorgängern ab und entwickeln so nicht nur die jeweilige Literaturgattung entscheidend weiter, sondern durchbrechen vor allem die mit der Vorgänger-Ästhetik verknüpften Wahrnehmungsgewohnheiten, die zur Selbstverständlichkeit, zum Automatismus geworden waren. So können die Wahrnehmungskonventionen als solche erkannt werden.

Eine noch expliziter kritische bzw. gesellschaftskritische Haltung verband Bertolt Brecht mit seiner – vor allem aus den V-Effekten bekannten – Verfremdungskonzeption. Sie zielt in erster Linie darauf ab, das Illusionstheater zu verabschieden, um so eine kritische Distanz gegenüber dem Dramengeschehen zu ermöglichen. Denn dieses soll in seiner gesellschaftlichen Bedingtheit, die wiederum Veränderbarkeit nach sich zieht, erkannt werden.