(griech. hermeneutiké, in etwa: Auslegungskunst)

Praxis und Theorie der (regelgeleiteten) Auslegung von Texten

Der Begriff der Hermeneutik umfaßt immer (und oft ununterscheidbar) die beiden Aspekte von der Praxis der Auslegung und der Theorie dieser Praxis.

Gegenstände dieser Praxis sind grundsätzlich alle der Auslegung bedürftigen Texte, also insbesondere Texte von herausragender Bedeutung oder solche, die fremd (oder fremd geworden) sind.

Deshalb haben diejenigen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich wesentlich mit Texten zu beschäftigen haben, hermeneutische Konzepte entwickelt. Unter diesen Disziplinen sind vor allem die Theologie, die Jurisprudenz, die Philosophie sowie die Philologie bzw. Literaturwissenschaft. Die Ursprünge der Hermeneutik als regelgeleiteter Textauslegung liegen dementsprechend in der Antike im Bereich der Bibelexegese und der (vor allem auf den Text der Homerischen Epen bezogenen) Philologie.

Grundsätzlich ist der Gegenstand der Auslegung bzw. der Hermeneutik über den Bereich von Texten ausdehnbar. Denn auch ganz anders geartete Dinge oder Momente können bedeutsam sein, der Auslegung bedürftig, also Gegenstände eines Verstehensprozesses werden, so z. B. Handlungen, nicht-sprachliche Kunstwerke usw.

Während die Theologie auf die praxisbezogene Ausdeutung (Exegese) eines kanonischen Textes, die Jurisprudenz auf die Subsumption bestimmter realer 'Fälle' unter einen bestimmte Gesetzestext abzielt und während die Philosophie die Hermeneutik (als Textauslegung) zu einer das Verhältnis von Mensch und Welt betreffenden philosophischen Hermeneutik, also zu einer philosophischen Theorie umgebaut hat, geht es in der literaturwissenschaftlichen Hermeneutik vornehmlich darum, nicht-kanonische, fremde oder (historisch) fremd gewordenene Texte (von künstlerischer Bedeutung) in ihrem jeweiligen historischen oder kulturellen Kontext rekonstruktiv zu verstehen. Ziel der literaturwissenschaftlichen bzw. genauer: der literaturhistorischen Hermeneutik ist also das (bezogen auf den historischen/kulturellen Kontext) angemessene Verständnis eines literarischen Textes: seine Interpretation.