Praxis und Theorie der (regelgeleiteten) Interpretation von (literarischen) Texten
Ziel der literaturwissenschaftlichen bzw. genauer: der literaturhistorischen Hermeneutik ist das angemessene Verständnis eines literarischen Textes: seine Interpretation.
Der literaturwissenschaftliche Textausleger hat also ein etwas anders geartetes Ziel als der gewöhnliche Leser, dessen primäres Interesse für gewöhnlich nicht dem historischen Kontext gilt und der sich mit einem privaten subjektiven Textverständnis zufriedengeben kann.
Zentrales Problem jedes Verständnisprozesses, insbesondere aber der literaturwissenschaftlichen Hermeneutik ist die Tatsache, daß es im Prinzip keine feststehenden Fakten gibt, die für sich ohne einen erneuten Verstehensprozeß zugänglich sind. Dieser sogenannte hermeneutische Zirkel besteht demnach darin, daß ich zum Verständnis eines Textes (oder Textteils) a auch die damit in Zusammenhang stehenden Texte (oder Textteile) b, c und d verstanden haben muß, die ich wiederum nur dann verstehen kann, wenn ich auch a verstanden habe. In gewöhnlichen Kommunikationssituationen wird dieses Fundamentalproblem selten relevant (und ist meist schnell durch Nachfragen zu beseitigen), dann aber, wenn sich der Autor und der Leser eines Textes in unterschiedlichen (historischen, sprachlichen, kulturellen) Umgebungen befinden, läßt sich dieses Problem kaum wirklich beseitigen, da hier die kulturelle Differenz zwischen Autor/Text und Leser immer wieder erneut die Nichttrivialität der Verstehensanstrengung belegt.
Dennoch scheint es durch akkumulierende Perpetuierung solcher Verständnisprozesse und durch verschiedene Strategien, die eigenen Verstehens- und Deutungsergebnisse abzusichern, möglich zu sein, nicht nur plausible und intersubjektiv akzeptierbare Ergebnisse zu produzieren, sondern auch Plausibilitätskriterien für solche Ergebnisse zu formulieren. Solche Strategien beruhen vor allem auf den folgenden Momenten:
Durch solche und ähnliche Strategien scheint es möglich zu sein, den hermeneutischen Zirkel zu einer (womöglich nicht abschließbaren) Spirale umzubauen.
Innerhalb der Entwicklung der Literaturwissenschaft im 20. Jahrhundert ist es allerdings immer wieder zu mehr oder minder deutlichen und mehr oder minder begründeten Versuchen gekommen, diese Form von Hermeneutik abzulehnen. In der literaturwissenschaftlichen Theorie und Methodologie stellt diese Ablehnung geradezu eine Art common sense dar, in der literaturwissenschaftlichen Interpretationspraxis scheint sie jedoch kaum eliminierbar zu sein.