Komplex von Erwartungen und Annahmen über ein (literarisches) Kunstwerk in seiner Zeit

Der Erwartungshorizont ist natürlich eine fiktive Größe, eher ein Konstrukt des Literaturhistorikers als eine Menge von Tatsachen. Auf deren Basis sollte er aber möglichst rekonstruiert werden, im allgemeinen auch unter Zuhilfenahme von Typisierungen, Verallgemeinerungen und Abstraktionen. Er umfaßt also alles, was begründetermaßen an zeitgenössischen Erwartungen bei Erscheinen eines literarischen Textes (oder eines anderen Kunstwerks) über ihn angenommen werden kann, und formuliert so die Rahmenbedingungen der (zeitgenössischen) Rezeption eines Kunstwerks, die wiederum vom Autor des Werks schon mitbedacht worden sein können.

Zum Erwartungshorizont gehören Faktoren aus den unterschiedlichsten Bereichen, darunter insbesondere literarisches (oder anderes auf eine Kunst bezogenes) Wissen und solches über die zeitgenössische Lebenswirklichkeit, Kultur und Gesellschaft.

Zur ersten Gruppe gehören insbesondere das zeitgenössische Wissen über die Gattung des Werks, die Tradition, in der es steht, über den Autor, seine Gruppe, andere Werke von ihm, seine ästhetische oder politische Ausrichtung, über die zeittypischen ästhetischen Strategien usw. bzw. die aus diesen Vorannahmen resultierenden Erwartungen.

Zur zweiten Gruppe gehören unter anderem allgemeine Einsichten in die zeitgenössische Lebenswirklichkeit, in das besondere Problem- oder Vorliebenprofil der eigenen Zeit, über gesellschaftliche, kulturelle, wissenschaftliche oder politische Realitäten usw. bzw. die aus diesen Vorannahmen resultierenden Erwartungen.

Der Erwartungshorizont kann, wenn er zuverlässig rekonstruiert werden konnte, bei der Interpretation eines Textes von entscheidender Bedeutung sein – und steht deshalb in manchen Varianten literaturwissenschaftlicher Hermeneutik im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses.

Deshalb kann auch ein auf den Erwartungshorizont bezogenes Pendant zum Generalproblem aller Verstehensanstrengungen formuliert werden. Es besteht darin, daß natürlich der Erwartungshorizont der heutigen Leserschaft eines literarischen Textes (also auch der des Interpreten) i.a. nicht mit dem zeitgenössischen Erwartungshorizont zu identifizieren ist, das also auch hier eine Variante des hermeneutischen Zirkels greift.

Andererseits lassen sich auf dieser Basis neue Verstehensmodelle formulieren: So kann man etwa die Kumulation aller historischen Verstehensprozesse zur eigentlichen Bedeutung eines Kunstwerks erklären oder man kann versuchen, ein auf Grundlage einer sogenannten 'Horizontverschmelzung' zustandegekommenes Werkverständnis, das den subjektiven Horizont des Interpreten bewußt miteinbezieht, als einzig mögliche Verstehensweise zu etablieren.