charakteristisches Verhältnis zahlreicher literarischer Texte zur Welt: ihre Aussagen erheben keinen Wahrheitsanspruch, ihre Gegenstände müssen nicht existieren

'Fiktionalität' betrifft das Verhältnis von (literarischen) Texten zur realen Welt (von der sie selbst wiederum ein Teil sind). Fiktionale Texte oder kurz: Fiktionen unterscheiden sich fundamental von anderen, nicht-fiktionalen Texten (also etwa Zeitungsberichten, Erzählungen von Freunden, wissenschaftlichen Arbeiten usw.).

Dieser Unterschied ist auf zwei Arten und Weisen formulierbar und erläuterbar, die allerdings leicht unterschiedliche Fiktionaltätsbegriffe hervorrufen können:

(1) Begreift man – ausgehend von der Sprache – fiktionale Texte als Texte über etwas, so besteht das Charakteristikum darin, daß diese Texte offensichtlich keine Wahrheiten ausdrücken, ausdrücken können oder ausdrücken wollen, zumindest keine Wahrheiten über die Gegenstände von denen sie sprechen. Denn diese gibt es (in dieser Form) zumindest zum Teil nicht wirklich.
An der sprachlichen Gestaltung eines Textes allein ist jedoch nicht zu erkennen, ob er fiktional ist oder nicht.

(2) Begreift man – ausgehend von der Ontologie – fiktionale Texte als Texte über etwas, so besteht das Charakteristikum darin, daß die Gegenstände, von denen sie sprechen, zumindest zum Teil (in dieser Form) nicht existieren, also fiktive Gegenstände sind, so daß die Texte keine Wahrheiten über diese nicht-existierenden Gegenstände formulieren können. Fiktionale Texte handeln demnach von Erfindungen.
Der Nachteil dieser Betrachtungsweise wird üblicherweise darin gesehen, daß man hierbei von 'nicht-existierenden Gegenständen' sprechen muß.

Ein zentrales Problem der Fiktionalität besteht nun darin, das Verhältnis fiktionaler Texte zur Welt, das sich so deutlich von dem nicht-fiktionaler Texte unterscheidet, zu klären. Denn offensichtlich gesteht man Fiktionen gleichwohl zu, bedeutsam sein zu können oder wahrhaftig, ja sogar, 'tiefere' Wahrheiten ausdrücken zu können. Denn derlei Ansprüche scheinen nicht notwendig mit wahrheitsfähigen Aussagen über einzelne existierende Gegenstände verknüpft zu sein, sondern eher darauf zu beruhen, daß Weltbilder überzeugend, nachvollziehbar und anschaulich modelliert und inszeniert werden können. Insofern ist hier der Mimesis-Begriff (aus der aristotelischen Tradition) einschlägig.

Ein weiteres Problem der Fiktionalität ist die Reichweite des Begriffs (nicht nur im Bereich der Literatur): Denn offensichtlich sind zwar große Teile der erzählenden und dramatischen Literatur fiktional, aber mit Sicherheit nicht alle (man denke etwa an Tatsachenromane). Ein ganz eigenartiges Sonderproblem stellt zudem die Lyrik dar. Andere offenkundig literarische Texte (etwa Aphorismen, Essays und dergleichen mehr) sind offenkundig nicht-fiktional, so daß auch kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Literarizität und Fiktionalität herzustellen ist.