(ästhetisch bedeutsame) Bezugnahme eines (literarischen) Textes auf einen anderen Text oder eine Gruppe von Texten (den sogenannten Prätext)

'Intertextualität' betrifft das Verhältnis von (literarischen) Texten untereinander – und das Phänomen dürfte so alt sein, wie die Literatur selbst.

In den Blick der Literaturwissenschaft ist die Intertextualtät allerdings erst in den letzten Jahrzehnten geraten, wobei vor allem die Reichweite des Begriffs umstritten ist: Einige sehen darin ein charakteristisches Moment aller Texte (bzw. aller Sprache), formulieren mit dem Begriff der Intertextualtät also eine sprachphilosophische These. Andere verwenden den Begriff ausschließlich in literaturwissenschaftlichen Zusammenhängen: Er zeichnet einige literarische Texte aus, andere nicht.

Ebenfalls umstritten ist, ob und inwiefern der Bezug auf ganze Gruppen oder Klassen von Texten (etwa Gattungen, Texte einer Gruppe oder Epoche) der Intertextualität zuzurechnen ist. Dies betrifft auch die diffizilen und komplexen Verhältnisse der folgenden literaturgeschichtlichen Phänomene zum Begriff der Intertextualität: imitatio veterum, Epigonalität (griech.: Nachgeborenheit) und Gattungsbildung.

Einige intertextuelle Phänomene (etwa Zitat, Übersetzung) sind nicht auf Literatur beschränkt, intertextuelle Bezugnahme in literarischen Texten hat aber wohl immer auch eine ästhetische Funktion, prägt also den Text als Kunstwerk – zum Teil entscheidend – mit.

Intertextuelle Phänomene sind auf vielfache Art zu unterscheiden. Einige dieser Kriterien sind:

Markierung: So sind einige markiert (etwa durch die Anführungszeichen eines Zitats), also deutlich erkennbar, andere nicht (etwa die bloße Anspielung).

Modifikation: Einige belassen den Prätextausschnitt völlig unverändert (etwa Zitat oder Montage), die meisten anderen verändern oder modifizieren ihn jedoch.

Strukturalität: Einige betreffen den gesamten Text oder seine strukturellen Eigenschaften (etwa wenn ein Text ausschließlich eine Parodie oder Kontrafaktur ist, wenn er die Imitation eines Vorbilds ist oder eine Übersetzung), die meisten betreffen aber nur eine bestimmte, punktuelle Textpassage.

Kommunikativität: Einige tragen als intertextuelle Erscheinungen offensichtlich zum kommunikativen Gehalt bei, müssen also vom Rezipienten als solche erkannt werden, andere betreffen den Gehalt des Textes als intertextuelle Phänomene nur marginal.

Dialogizität: Einige dokumentieren Zustimmung zu den Inhalten oder der Gestaltung des Prätextes (z.B. die Adaption, die Imitation, das Motto u.v.m.), andere (etwa Kontrafaktur und Pastiche) sind diesbezüglich neutral, wieder andere sind klar gegen den Prätext, seine Aussage, seinen Stil usw. gerichtet (vor allem Parodie und Travestie). Vor allem diese letzten Verhältnisse zwischen Text und Prätext oder noch komplexere 'dialogische' intertextuelle Bezugnahmen stehen in der neueren Literaturwissenschaft im Zentrum des Interesses, zumal sich gerade moderne und postmoderne Texte durch solche intertextuellen Bezugnahmen auszuzeichnen scheinen.