(mímesis (gr.) = Nachahmung, Nachbildung; imitatio (lat.) = Nachahmumg)
Mimesis: Nachbildung der Welt im Sinne von Modellierung (eines Ausschnitts) der Welt (Aristoteles)
imitatio: Nachahmung als vorbildhaft anerkannter Mustertexte oder Textmuster (Horaz)
Der Zweck, dieses Begriffspaar hier zu erläutern, besteht darin, die beiden völlig verschiedenen Nachahmungsbegriffe, die zumeist mit ihren griechischen bzw. lateinischen Pendants wiedergegeben werden, deutlich voneinander zu trennen. Dies ist systematisch notwendig, da es historisch insbesondere zu Zeiten der universalen Gültigkeit antiker Poetologie gerade nicht geschah: Im Gegenteil, besonders in der Frühen Neuzeit wurden beide Nachahmungsbegriffe häufig aufeinander bezogen, dadurch relativiert, gar identifiziert oder schlicht nicht unterschieden.
Beide Begriffe gehen auf die beiden zentralen antiken Autoritäten in Sachen Poetologie zurück. 'Mimesis' auf die Poetik des Aristoteles, 'imitatio' auf die des Horaz.
Die Horazische imitatio veterum (so der genaue und vollständige Terminus) ist andernorts schon erläutert worden. Sie formuliert die Notwendigkeit eines (spezifischen) Verhältnisses zwischen literarischen Texten.
Die Aristotelische Mimesis meint hingegen die Nachahmung der Welt bzw. eines relevanten Weltausschnitts. Dieser vielfach und zum Teil (im Lauf der Jahrhunderte seiner Wirkung) recht unterschiedlich gedeutete Begriff meint nicht die Abbildung der Welt, genau wie sie ist, und ist insofern eng mit dem modernen Konzept der Fiktionalität verwandt. Es kommt Aristoteles und seinen Nachfolgern weniger auf Wahrheit als vielmehr auf Wahrscheinlichkeit und (interne) Stimmigkeit an. Mimesis meint also eher die Bezugnahme auf die Welt, wie sie jenseits ihrer wahrnehmbaren Oberfläche ist, wie sie sein könnte oder wie sie sein sollte. Insofern abstrahiert der Mimesis-Begriff von Spezifika der einen, historisch vorliegenden Welt zugunsten einer komplexen Struktur, die wiederum konkretisierbar ist vor allem in oder als Literatur. Literatur qua Mimesis kann also als Modell der Wirklichkeit aufgefaßt werden.