durch Klassifikation nach Merkmalen bzw. Merkmalskombinationen und/oder historische Begrenzungen und/oder Traditionsbildungen realisierte Einteilung der Dichtung
Der Begriff der Gattung ist sowohl was seine Gesamtkonzeption als auch was einzelne Gattungsbegriffe betrifft problematisch. Er wird hier aber deutlich von der Trias der Grundbegriffe oder Naturformen abgegrenzt.
Grund für diese Abgrenzung ist vor allem die Tatsache, daß Gattungen wesentlich historisch sind, also immer (nur) unter bestimmten historischen Bedingungen und in bestimmten begrenzten Zeiträumen (in ihrer Eigenart) realisiert werden. Zu diesen Bedingungen können nicht nur geistes-, kultur- oder sozialgeschichtliche Rahmenbedingungen gehören, sondern auch (und vor allem) literaturgeschichtliche. Insbesondere innerliterarische Traditionsbildungen, die sich (per intertextueller Bezugnahme oder imitatio) auf Vorbilder beziehen, können im Prozeß der historischen Gattungsbildung eine entscheidende Rolle spielen.
Eine Folge aus der Abgrenzung von der Trias der Grundbegriffe ist die Tatsache, daß man mit ungleich mehr als nur drei Gattungen zu rechnen hat bzw. mehr als drei Gattungen anerkennen kann. Dabei sind aber natürlich auch hierarchisch organisierte Ordnungen möglich, die Sub-Gattungen von Gattungen unterscheiden und dergleichen mehr.
Diese beiden Aspekte entsprechen durchaus den Gattungsverständnissen, die historisch (bis zur Goethezeit in Deutschland) vorliegen.
Historische Rahmenbedingen und Traditionsbildungen reichen aber für gewöhnlich (und in den meisten Gattungskonzeptionen) nicht aus, um einzelne Gattungen zu bestimmen. Deshalb tritt in der Regel die Vorstellung hinzu, daß die Texte, die zu einer Gattung gehören, einander in bestimmten Hinsichten ähnlich sind, also gemeinsame Merkmale (oder Merkmalskombinationen) aufweisen. Welche Merkmale dafür in Frage kommen können, ist dabei durchaus umstritten. Formale und inhaltliche Charakteristika der Texte und ihre spezifischen Kombinationen dürften aber wohl dazugehören.
Eine Möglichkeit, diese gattungsbestimmenden Merkmale zu fassen, ist das Konzept der Schreibweise. Nach dieser einflußreichen und stimmigen Konzeption ist eine Gattung die historisch konkrete und begrenzte Realisation einer ahistorischen Schreibweise.
Durch alle diese näheren Bestimmungen des Begriffs der Gattung ist dieses bedeutendste literaturwissenschaftliche/literaturhistorische Einteilungskonzept zwar umrissen, die Möglichkeit, bestimmte vorliegende Konzepte als Gattungsbegriffe zu etablieren, ist damit aber ebensowenig garantiert wie die Zuordnung einzelner Texte zu einer solchen Gattung. Dazu bedarf es jeweils zum Teil womöglich noch nicht geleisteter literaturhistorischer Forschungsarbeit.