Aufgrund der Abgrenzung von der Trias der Naturformen kommt etwa die Epik nicht als Gattungsbegriff in Frage, der Roman z.B. als historische bzw. historisch variable Realisation einer epischen Schreibweise hingegen sehr wohl.

Für gewöhnlich werden Gattungskonzepte aber eher kleiner angelegt, umfassen also einen weniger großen Realisationszeitraum (der Roman ist seit der Spätantike bekannt und bis heute beliebt) und eine weniger große Menge von zugehörigen Texten.

So kann etwa der Begriff des Bildungsromans als Gattung (oder als Subgattung von Roman) konzipiert werden: Alle Bildungsromane weisen bestimmte, hier nicht zu erörternde Gemeinsamkeiten auf (die für sich wiederum umstritten sein können), sie kommen nur in einem historisch begrenzten Zeitraum vor (erst ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert, womöglich ausklingend im Laufe des 19. Jahrhunderts) und sind auf einen (oder einige wenige) gattungskonstituierende Mustertexte bezogen. Ähnliches läßt sich zum Beispiel auch für die frühneuzeitliche Utopie, das Bürgerliche Trauerspiel, den Kriminalroman, die klassische griechische Tragödie oder die Ode des 18. Jahrhunderts behaupten.

Dabei spielen zumeist neben formalen Merkmalen (wie etwa Umfang, Äußerungsart, Versifikation, Sprachstil und dergleichen) auch inhaltliche Momente eine entscheidende Rolle. Deshalb ist es eventuell problematisch, rein formale Merkmalskomplexe (wie etwa das Sonett) als Gattungen aufzufassen, da keinerlei inhaltliche Festlegungen gemacht werden können.

Die Beziehung, in der die Konzeptionen von Schreibweise und Gattung zueinander stehen, gibt den für die Gattungsbestimmung in Frage kommenden Merkmale eine etwas andere Ausrichtung. Sie bezieht explizit funktionale Elemente (also die Realisierung von Intentionen oder Wirkungen) mit ein. So kann man etwa die Schreibweise des Herrscherlobs bestimmen, die vor allem als soziale Kommunikationsleistung anzusehen sein dürfte. Diese (zu allen Zeiten realisierbare) Schreibweise kann wiederum in unterschiedlichen Epochen ganz unterschiedlich realisiert werden, beispielsweise durch typisch barocke Fest- und Gelegenheitsgedichte.

Übrigens: Die Gattungszuschreibung durch den Autor (der seinen Roman mit 'Ein Roman' betitelt) ist als für die Interpretation relevante Tatsache natürlich absolut ernstzunehmen. Dies betrifft auch die Gattungszugehörigkeit des Textes. Nicht nur, weil historisch vorliegende Gattungsverständnisse nicht unbedingt mit den heutigen übereinstimmen, kann es aber dazu kommen, daß eine solche Zuschreibung durch den Autor nicht akzeptiert werden kann.