(lat. u. ital.: cento = Flickendecke, Flickenteppich)
Text, der ausschließlich oder überwiegend aus bereits vorliegenden Textteilen zusammengesetzt ist, die neu kombiniert werden
Der Cento geht also auf ein bestimmtes Textverfahren zurück. Dieses besteht darin, Textteile (Wörter, kleinere Syntagmen, Teilsätze, Sätze, Verse oder ganze Satz- oder Versgruppen) aus einem bestimmten Textkorpus (einem einzelnen Text, dem Werk eines Autors, einer bestimmten Autorengruppe, einer bestimmten Gattung usw.) auszuwählen und so neu zu kombinieren, daß sich ein neuer Sinnzusammenhang ergibt. Insofern besteht der Text eines Cento ausschließlich aus fremdem Text, der wie eine Decke aus einzelnen Flicken zusammengenäht werden kann die verschiedenen Teile zu einem neuen Ganzen vereinigt, ohne die 'Nahtstellen' eigens zu markieren.
Dieses aufwendige und extrem kunstvolle Textverfahren dient häufig dazu, die (allgemeinere) Schreibweise der Parodie zu realisieren, also das zugrundeliegende prätextuelle Textkorpus nachzuahmen oder es lächerlich zu machen. Seltener dient es vergleichbar der allgemeineren Schreibweise der Kontrafaktur entsprechend dazu, das Kommunikationspotential der Vorlage für eine eigene Botschaft auszunutzen. In beiden Fällen ist der Cento jedoch darauf angewiesen, das sein Leser die Vorlage kennt und als Vorlage erkennt.
Dementsprechend war der Cento vor allem in Literaturepochen beliebt, die wie die Antike oder die Frühe Neuzeit ohnehin auf die Produktion von Texten aus Texten heraus setzten (im Sinne der imitatio veterum). In der Literatur nach 1770 ist er jedoch schon seines hohen Aufwands wegen die absolute Ausnahme.
Was als Textverfahren Cento heißt, ist als allgemeines Verfahren natürlich auch in anderen Kunstformen bekannt, man denke etwa an das Sampling im Bereich der Popmusik.