Ein signifikantes Beispiel für einen Cento liefert der spätantike Leon Philosophus (5. Jh. n. Chr.) mit dem folgenden Epigramm:
Mutter, du böse Mutter, von unempfindlicher Seele,
schwer ist die Wunde an mir, die ein sterblicher Mann mir geschlagen
tief in der finsteren Nacht, da andere Sterbliche schlafen;
nackt kam er, er hatte nicht Helm noch Schlachtschild und Lanze
und seine ganze Klinge ward warm vom Blute; dann aber
sandte er jählings auf mich eine Feuchtigkeit, lau und gelinde.
Dieses setzt sich wie leicht zu erkennen ist, wenn man die Vorlage kennt aus verschiedenen 'Textbausteinen' aus Homers Epen zusammen:
Ilias V, 361 [Aphrodite ist im Schlachtgetümmel verletzt worden und bittet nun ihren Bruder Ares darum, sie zurück zum Olymp zu bringen, wo sie hofft zu genesen]:
schwer ist die Wunde an mir, die ein sterblicher Mann mir geschlagen
Ilias
X, 83 [Agamemnon ist nachts unterwegs, um seine Leute zu wecken. Nestor, gerade geweckt, fährt ihn an und fragt, wer ihn denn da um seinen Schlaf bringe]:tief in der finsteren Nacht, da andere Sterbliche schlafen
Ilias XVI, 333 [Ajas tötet Kleobulos mit dem Schwert]:
und seine Klinge ward warm vom Blute; die Augen aber ...
Ilias XXI, 50 [Der rasende Achilleus stürzt sich im Blutrausch auf jeden beliebigen Gegner, nun auf Lykaon, der gar nicht auf einen Kampf eingestellt ist]:
nackt kam er her, er hatte nicht Helm noch Schlachtschild und Lanze
Odyssee I, 123 [Telemach begrüßt die als Fremder verkleidete Göttin Athene]:
Heil dir, Fremder! Bei uns sei dir Freundschaft. Dann aber
Odyssee V, 268 [Kalypso entläßt Odysseus und gibt ihm günstige Bedingungen mit]:
sandte sie jählings auf mich einen Wind, lau und gelinde
Odyssee XXIII, 97 [Telemach wendet sich gegen seine Mutter Penelope, die sich seiner Meinung nach nicht mehr im passenden Maß nach Odysseus sehnt]:
Mutter, du böse Mutter, von unempfindlicher Seele