(lat.: contra = gegen, entgegen; facere = machen)
intertextuelle Schreibweise (bzw. Verfahren): Übernahme erkennbarer Struktur- und Gestaltungsmerkmale einer Vorlage zur Realisierung einer eigenständigen, von der Vorlage unabhängigen Kommunikationsleistung
Als 'Kontrafaktur' konnte lange Zeit jede Abbildung, also jedes Nach-Gemachte verstanden werden, insbesondere die Nachbildung eines geistlichen Liedes mit einem weltlichen Text (oder umgekehrt), wie sie in der Frühen Neuzeit üblich war. Dabei bleiben Melodie, Rhythmus usw. und mit ihnen die Struktur der Strophen und Verse, womöglich auch das Wortmaterial (insbesondere seine Klangqualitäten) erhalten, der ursprüngliche geistliche Text wird jedoch durch einen weltlichen (oder vice versa) ersetzt. So kann dieser Inhalt vom Bekanntheitsgrad und der Eingängigkeit der Vorlage profitieren.
Dieses spezifische Verfahren ist zu einem präzisen Kontrafaktur-Begriff ausweitbar, der innerhalb der Literaturwissenschaft als Schreibweise aufzufassen ist, aber sicherlich etwa im Bereich der bildenden Kunst sein Pendant als Bildbearbeitungsverfahren hat.
Dieser Begriff besagt, daß von einer bestimmten Vorlage (gegebenenfalls auch einer eng umgrenzten Klasse von Vorlagen) die erkennbaren und leicht wiedererkennbaren Strukturierungen und Formungen beibehalten werden, um ihr kommunikatives Potential auszunutzen. Dies meint sowohl die Wiedererkennbarkeit der Vorlage als auch die Vorgaben durch die spezifische Gestaltung der Vorlage. Die Vorlage muß also um die Kommunikation gelingen zu lassen bei den angezielten Rezipienten bekannt sein.
Unter den im Fall der Literatur Strukturierungen und Formungen des Textes sind in erster Linie die folgenden Momente zu verstehen: das Wortmaterial, seine klanglichen Qualitäten, Vers-, Reim- oder Strophenstrukturen, syntaktische, semantische oder stilistische Eigenheiten und dergleichen mehr.
Im Unterschied zur Parodie, die zwar ähnlich vorgeht, richtet sich die Kontrafaktur aber nicht gegen ihre Vorlage, zumindest nicht in der Hauptsache; vielmehr sitzt sie ihr quasi wie ein Parasit auf, um eine eigene Botschaft, eigene Inhalte zu transportieren, die oft ähnlich wie im Falle 'Geistlich' - 'Weltlich' einem ganz anderen Themenbereich angehören.
Das heißt aber nicht, daß die Kontrafaktur ohne Agressivität und Witz sein muß. Diese können durchaus vorhanden sein, richten sich aber nicht gegen die Vorlage, sondern, wie z.B. im Fall einer satirischen Kontrafaktur, gegen die Zeitläufte, also gänzlich textexterne Faktoren.