(ital.: grottesco = verzerrt)
Verfahren (Schreibweise) oder allgemeines Gestaltungs- und Wirkungsprinzip: antimimetische Verbindung von Disparatem und/oder radikale Übertreibung, die auf die Erregung von Grauen und/oder (zugleich) Gelächter abzielt
"Die Groteske" ist ursprünglich ein Name für bestimmte Ornament-Formen in der Malerei und Baukunst der Antike, der Gotik und der Renaissance. Die Formungsprinzipien dieser mit der Arabeske verwandten Ornamente wurden auch auf andere Bereiche der bildenden Kunst sowie auf andere Künste, etwa die Literatur übertragen: als der groteske Stil oder das Groteske.
Groteske Kunst und Literatur steht insofern im Widerspruch zu jeder klassischen oder klassizistischen Ästhetik, als sie bewußt und wirkungsorientiert gegen deren ästhetischen Gesetze verstößt: Sie bevorzugt das Verzerrte gegenüber dem Gleichmäßigen und Symmetrischen, sie überzeichnet, übertreibt und übersteigert, statt sich an der mimetischen Abbildung der Realität zu orientieren, und sie ignoriert die rhetorische Regel vom aptum aller Bestandteile, indem sie bewußt Disparates und nicht Zusammengehöriges verbindet und vermischt.
Diesem Verfahren, das in bildender Kunst sicherlich einfacher und präziser zu bestimmen ist als in Literatur, steht auf der Inhaltsebene dann eine groteske bzw. grotesk erscheinende Wirklichkeit gegenüber, die entweder als grundlegend verfremdet der bekannten üblichen Wirklichkeit gegenübersteht oder als deren angemessene Darstellung erscheint.
Dementsprechend ist die Funktion des Grotesken entweder zwiefach oder hochgradig ambivalent: Denn sie zielt zum einen auf die Erregung von Grauen beim Betrachter oder Leser ab, indem sie seine Wirklichkeit ins Fratzenhafte verzerrt, zum anderen aber kann und will sie ihn zum Lachen bringen, indem sie ihm fast spielerisch eine ganz andere Weltauffassung vorführt, vor allem aber kann und will sie oft beides zusammen.
Weitgehend umstritten und insofern ungeklärt ist von diesem Begriffskern abgesehen innerhalb der Literaturwissenschaft allerdings, ob Groteske als Stil, Schreibweise, Darstellungsweise, wirkungsästhetische oder Inhaltskategorie anzusehen ist. Ebenso problematisch sind demzufolge die Grenzziehung zu benachbarten Begriffen wie Satire, Manierismus oder Komik und die Ausweisung bestimmter Texte oder Textklassen als grotesk.
Letzteres gilt umso mehr, als auch zwei weitere Aspekte nicht klar bestimmt sind. So ist (a) die Frage nicht abschließend beantwortet, auf welcher Ebene (etwa Inhalt versus Darstellung; Makrostruktur versus Stil) die grotesken Verzerrungen und Vermischungen anzusiedeln sind. Ebenso umstritten ist (b), ob das Groteske als ahistorisches Verfahren (bzw. in der Literatur als Schreibweise) anzusehen ist, das zu unterschiedlichen Zeiten neu realisiert wird und etablierte Literatur- oder Kunstformen samt ihrer Weltauffassung unterläuft, oder ob es eher ein spezifisches Phänomen der Moderne darstellt, die etwa mit der Tragikomödie und ihrem Weltverhältnis paradigmatische Kandidaten für groteske Literatur anbietet.