(griech.: u + topos = nicht + Ort)

Thema darstellender Literatur: konkreter philosophisch-politischer Entwurf einer (idealen, anderen) Gesellschaft

Dieses besondere Thema der Literatur ist natürlich nicht an sie gebunden, vielmehr ist die Utopie bzw. utopisches Denken genuiner Gegenstand von Philosophie oder Soziologie.

Gleichwohl ist es – nach Vorläufern in antiker philosophischer Literatur – spätestens seit der namengebenden "Utopia" von Thomas Morus (1516) üblich, solche utopischen philosophisch-politischen Denkmodelle literarisch zu realisieren, insbesondere als Romane.

Der utopische Roman beinhaltet dementsprechend ein utopisches Denkmodell. Dieses stellt zwar immer auch einen (positiven) Gegenentwurf zur herrschenden Gesellschaftsform dar, ist aber gerade deshalb seiner Herkunftskultur und -gesellschaft erkennbar verpflichtet. Denn es benutzt einerseits deren Konzepte, ist jedoch auch – ähnlich wie die Satire – kritisch auf sie bezogen.

Die für den Roman typische ausgreifende Erzählung erlaubt es zudem, die entworfene Gesellschaftsform konkret darzustellen und somit den theoretischen Entwurf gleichsam hypothetisch zu realisieren. So können in einem utopischen Roman die verschiedensten gesellschaftlichen Aspekte und Teilbereiche thematisiert werden, vom Arbeitsalltag der Bevölkerung über die Strukturierung gesellschaftlicher Gruppen oder politischer Institutionen bis hin zur Moralphilosophie, Weltanschauung oder Religion der entworfenen Idealgesellschaft.

Zwei Grundtypen sind dabei zu unterscheiden, die aber beide von einer Distanz zwischen entworfener und realer Welt ausgehen: In der ersten, älteren Version wird die U-topie an einen fremden, nur schwer zugänglichen Ort verlegt. Diese utopische Gesellschaft steht somit in einem statischen Gegensatz zur realen der Zeitgenossen. Die zweite, etwas jüngere Version verlegt die utopische Gesellschaft hingegen in die Zukunft, wodurch eine dynamische Entwicklung auf diese hin insinuiert wird.

Der traditionelle utopische Roman ist vor allem im 16., 17. und 18. Jahrhundert beliebt. Da aber in der Moderne eine enorme Steigerung der Möglichkeiten und der gesellschaftlichen Bedeutung von Technik ebenso wie eine grundlegende Skepsis gegenüber umfassenden Gesellschaftsentwürfen dominant geworden sind, ist die Utopie als Denkmodell zunehmend verdrängt und der utopische Roman von zwei Nachfolgern abgelöst worden: dem Science Fiction-Roman (bzw. allgemein SF), der in erster Linie die Möglichkeiten und Folgen möglich erscheinender technischer Entwicklungen 'durchspielt' und der sogenannten Dystopie, die – wie etwa George Orwells "1984" – eine überwiegend negative U- oder eben Dys-Topie in die Zukunft verlegt, damit aber vor allem kritisch auf zeitgenössische Entwicklungen aufmerksam machen will. Dabei liegt die Aufmerksamkeit insbesondere auf dem Einsatz technischer Möglichkeiten zur Durchsetzung einer autoritären, unfreien Gesellschafts- und Staatsform.