Textfunktion eines lyrischen Gedichts: Aussagesubjekt desselben
Das lyrische Ich ist also eine literaturwissenschaftliche Konstruktion und meint die unvermittelt sprechende (oder singende) Instanz eines lyrischen Gedichts, wie es sich in ihm präsentiert.
Es zielt als Textfunktion in erster Linie darauf ab, den (Empfindungs-, Wahrnehmungs-) Gehalt eines Gedichts als subjektiv geformten zu präsentieren, insofern kann es dem Leser oder Hörer ein Identifikationsangebot machen und den Gehalt somit gegenüber einer rein individuellen Aussage verallgemeinern. Es korrespondiert also der ästhetischen oder poetischen Gestaltung des Gedichts und ist somit nicht mit dem realen Autor des Textes zu identifizieren.
Durch seine Funktionen der (ästhetischen) Verallgemeinerung und des Identifikationsangebots ist es auch nicht ohne weiteres mit der sprechenden Instanz eines Rollengedichts zu identifizieren.
Die literaturwissenschaftliche (Re-)Konstruktion des lyrischen Ich ist jedoch in mindestens zwei Hinsichten problematisch:
Zum einen fungiert sie als reichlich vage, aber grundlegende Annahme, die zumeist auch lyrischen Texten unterstellt wird, die diesem erst im 20. Jahrhundert entwickelten Konzept, nachweislich nicht verpflichtet sind. Es besteht also immer die Gefahr, durch diese Vor-Annahme den (tatsächlichen) Gehalt eines Gedichts zu verfehlen. Dies betrifft insbesondere die Tatsache, daß das Konzept des lyrischen Ich stark auf die Interpretation und Gestaltung von Erlebnislyrik ausgerichtet ist.
Zum anderen gibt es gerade vor und nach der literaturhistorischen Dominanz von Erlebnislyrik im späten 18. und im 19. Jahrhundert zahlreiche Texte, die wohl als lyrische Gedichte anzusehen sind, aber nicht erkennbar als (unmittelbare) Aussprache eines Subjekts (bzw. Ich) gestaltet sind. Dies betrifft etwa die Gedankenlyrik, aber auch andere 'nicht-subjektive' Gattungen oder Formen von Lyrik wie etwa das Gelegenheitsgedicht. Dies betrifft genauso viele moderne lyrische Texte, die ganz andere Aussage- und Gestaltungsabsichten haben als die Erlebnislyrik und insofern auf ein (lyrisches) Ich bewußt verzichten.