Klasse lyrischer Gedichte: poetische Gestaltung von Gegenständen und ihrer Wahrnehmung
Der Terminus 'Dinggedicht' meint eine durch ein vor allem inhaltliches Kriterium bestimmte Klasse von lyrischen Texten: Im Zentrum eines Dinggedichts steht ein Ding, ein Gegenstand, ein Objekt sowie seine Wahrnehmung, Erfahrung, Deutung und Wertung, freilich ohne das wahrnehmende, deutende oder wertende Subjekt hervortreten zu lassen.
Solche Dinge sind gemeinhin die Gebrauchsgegenstände des Alltags oder Kunstwerke, kleine Sächelchen oder große Bauten, unbelebte Objekte oder Lebewesen (Tiere und Pflanzen) usw. Ebensowenig festgelegt ist, ob die betreffenden Dinge konkret, real und identifizierbar zu sein haben.
Das Dinggedicht stellt als Text eine Beschreibung oder Deutung dieses Gegenstandes dar, im allgemeinen eine, die den betreffenden Gegenstand objektiviert, von seiner Konkretheit abstrahiert, ihn symbolisch überhöht oder auf andere Weise verallgemeinert bzw. transzendiert. Insofern ist das Dinggedicht als Kunstwerk selbst ein Ding, das in einem komplexen Bezugsverhältnis zu dem Ding steht, das es darstellt.
Dabei zieht der so bestimmte Inhalt eines Dinggedichts keinerlei Folgen auf der Ebene formaler oder Gestaltungskonventionen nach sich. Sehr wohl aber kann das wahrgenommene Ding des Dinggedichts auch durch poetische Verfahren zur Darstellung kommen, die über die Semantik von Wörtern hinausgeht, also etwa über die Anordnung von Versen usw.
Das Dinggedicht wird in der deutschen Literaturgeschichte als auf die Lyrik des 19. und 20. Jahrhunderts beschränkt angesehen.