Der römische Satiriker Martial ist wohl der einflußreichste Autor von Epigrammen, zumindest von satirischen, kritischen oder spottenden Epigrammen. Nichts und niemand war vor seinen witzigen und 'epigrammatisch' pointierten Angriffen sicher, schon gar nicht die dilettierende Zunft der Ärzte im Rom seiner Zeit:

Chirurgus fuerat, nunc est vispillo Diaulus.
  coepit quo poterat clinicus esse modo.

Arzt war Diaulus, jetzt ist er Leichenträger.
  Auf die Art, wie er konnte, hat er von Beginn an die Leute auf die Bahre gelegt.

Die von Martial etablierte Epigrammatik findet in der Neuzeit zahlreiche Adaptionen und Fortsetzungen, die Weimarer Klassiker benutzten für ihre "Xenien" (also: Feindseligkeiten) sogar das antike Strophenmaß des Distichon bei ihren Schlägen gegen die Zeitgenossen, zum Beispiel den Erz-Aufklärer Nicolai:

Querkopf! schreiet ergrimmt in unsere Wälder Herr Nickel.
  Leerkopf! schallt es darauf lustig zum Walde heraus.

Daß Goethe und Schiller wegen ihrer anachronistischen Benutzung der alten Form kritisierbar wurden, bestätigt uns ein Epigramm von Matthias Claudius:

Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein;
  Im Pentameter drauf läßt er ihn wieder heraus.

Einen ganz anderen Ton schlagen die 'Sinngedichte' Friedrich von Logaus an, dem wichtigsten deutschen Epigrammatiker der Barockzeit. Formuliert wird hier die Einsicht in das Wesen der Zeitläufte samt der daraus resultierenden Klage über sie:

Die schamhafte Zeit

Sie sei sonst, wie sie will, die Zeit,
So liebt sie doch Verschämlichkeit:
Sie kann die Wahrheit nackt nicht leiden,
Drum ist sie emsig, sie zu kleiden.