Klasse lyrischer Gedichte: poetische Gestaltung von (individuellen bzw. subjektiven) Erlebnissen und ihren Gehalten

Erlebnislyrik ist eine durch ein vor allem inhaltliches Kriterium bestimmte Klasse von lyrischen Gedichten. Der Begriff bzw. – genauer – die Verwender des Begriffs der Erlebnislyrik gehen jedoch im allgemeinen von einem adäquaten Ausdrucksverhältnis zwischen dem Erlebnis und seinem Gehalt auf der einen Seite und deren sprachlicher, symbolischer und ästhetischer Gestaltung auf der anderen Seite aus.

Somit ist – idealerweise und dieser Konzeption nach – der Rezipient eines Erlebnisgedichts in der Lage, das Gedicht zu verstehen, indem er das zum Ausdruck gebrachte 'Erlebnis' gleichsam nach-erlebt.

Das der Erlebnislyrik zugrundeliegende 'Erlebnis' ist wesentlich mit dem Konzept individueller Subjektivität verknüpft, es setzt diese voraus. Daraus ergeben sich zwei Folgerungen: (1) Wenn man der Erlebnislyrik bzw. ihren Erlebnis- und Stimmungsgehalten objektive Gültigkeit zuschreiben möchte, so muß man dies mit dem poetischen Ausdruck in einem lyrischen Gedicht begründen. (2) Da sich ein solches Konzept von Subjektivität erst im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelte, muß der Erlebnislyrik eine historische Begrenzung auf den Zeitraum nach 1750/1770 zugewiesen werden. Tatsächlich dominierte sie vor allem in der Goethezeit die deutschsprachige Lyrik, in der Zeit also, da mit der Genieästhetik eine das herausragende künstlerische Subjekt betonende Ästhetik die Künste dominierte.

Beidem widerspricht jedoch die literaturwissenschaftliche Begriffseinführung und -verwendung von 'Erlebnislyrik' um 1900 bis weit ins 20. Jahrhundert hinein: Denn (1) kann die vor allem durch das lyrische Ich des Erlebnisgedichts realisierte Subjektivität nicht ohne weiteres auf die Person und das Leben des Autors bezogen werden, genau dies wurde jedoch getan. Und (2) kann dieser historisch begrenzten Klasse oder Menge von lyrischen Gedichten keine Allgemeingültigkeit bezüglich der Bestimmung von Lyrik überhaupt zugeschrieben werden. Doch gerade diese Konzeption von Lyrik dominierte die germanistische Literaturgeschichtsschreibung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Mithin ist der Begriff der Erlebnislyrik – zumindest verknüpft mit einem universalen, überhistorischen Geltungsanspruch – sicherlich verfehlt. Für zahlreiche Texte aus dem späten 18. und dem 19. Jahrhundert scheint er gleichwohl sehr geeignet zu sein, insofern diese den objektivierenden poetischen Ausdruck subjektiver Erlebnis- und Gefühlsgehalte realisieren.

Die Authentizität der betreffenden Erlebnisse ist damit natürlich nicht unbedingt gewährleistet, so daß der Begriff der Erlebnislyrik in einem komplexen Verhältnis zum Begriff der Rollenlyrik, bzw. des Rollengedichts steht, die ebenfalls subjektive, aber eben einem Rollen-Ich entsprechende Erlebnisgehalte zum Ausdruck bringen kann.

Beispiel