Paradigmenbildend und prototypisch für den Begriff der Erlebnislyrik ist sicherlich die Lyrik des jungen Goethe, insbesondere die sogenannten 'Sessenheimer Gedichte' aus den frühen 1770er Jahren, die auf den Aufenthalt Goethes im elsässischen Sesenheim zurückgehen. Das ursprünglich "Maifest" betitelte und damit auf ein authentisches Erlebnis noch anspielende Gedicht trägt nach späteren Umarbeitungen den allgemeiner gehaltenen Titel "Mailied": Das Fest des Mai besteht in der subjektiv erlebten und poetisch evozierten Einheit von Ich und Natur unter dem gemeinsamen Band der schwärmenden Liebe:
Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!Es dringen Blüthen
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch.Und Freud' und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd', o Sonne!
O Glück, o Lust!O Lieb', o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blüthendampfe
Die volle Welt.O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb' ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud' und MuthZu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst!