Klasse lyrischer Gedichte: poetische Gestaltung von Reflexionen (meist philosophisch-weltanschaulicher Art)
Gedankenlyrik ist eine durch ein vor allem inhaltliches Kriterium bestimmte Klasse von lyrischen Gedichten, die zu verschiedenen Zeiten in ganz unterschiedlichen Formen und Gattungen realisiert worden sind. Die Struktur und die Reichweite dieses Begriffs ist somit literaturwissenschaftlich durchaus problematisch, zumal sich im Einzelfall natürlich Fragen der inhaltlichen Dominanz stellen.
Kann also etwa das Epigramm als für lyrische Reflexionsgestaltung einschlägige Gattung oder Form angesehen werden, so können ähnliche Inhalte aber auch in ganz anderen Gestaltungsformen realisiert werden und dementsprechend kennt die deutsche Literaturgeschichte ganz unterschiedliche gedankenlyrische Texte vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Dabei dürfte vor allem die weltanschaulich-philosophische Gedankenlyrik der Weimarer Klassiker einen gewissen Höhepunkt darstellen.
Die Inhalte der Gedankenlyrik sind kaum genau zu bestimmen, kreisen aber im allgemeinen um die großen Fragen aus Philosophie, Theologie, Anthropologie usw.
Klar ist aber, daß es nicht um die bloße (versifizierte oder sonst gestaltete) Vermittlung gedanklicher Gehalte geht. Insofern unterscheidet sich die Gedankenlyrik von der reinen Lehrdichtung, die vor allem von der Antike bis ins 18. Jahrhundert genau dies realisierte und so die Rede von Poesie als Magd der Philosophie bzw. der Wissenschaften bestätigen konnte. Vielmehr geht es um den individuellen Ausdruck von Reflexionen, so daß der gedankliche Gehalt der Gedankenlyrik immer auch auf das Subjekt der Reflexionen (oder auch den Leser) bezogen ist.
Auf der anderen Seite unterscheidet sich die Gedankenlyrik aber durch ihre Inhalte sehr wohl von der Erlebnislyrik insofern, als sie im Unterschied zu jener nicht Ausdruck subjektiven Empfindens und Erlebens ist, sondern sachbezogene Reflexionen gestaltet.