Familie von Gattungen: inhaltlich und performativ stark anlaßbezogene Gedichte meist panegyrischen Gehalts

Gelegenheitsdichtung, Gelegenheitslyrik oder Casualpoesie (lat.: casus = Fall) umfaßt einerseits eine ganze Reihe von kleinen, streng nach Anlaß- bzw. Gelegenheitstypen und Inhalten unterschiedenen Gattungen, andererseits auch stark anlaßbezogene Dichtung überhaupt.

Gelegenheitsdichtung ist in zwei unterscheidbaren, aber eng zusammengehörenden Hinsichten auf bestimmte, konkrete Anlässe oder Gelegenheiten bezogen: Zum einen thematisiert sie einen bestimmten Anlaß, zum anderen trägt sie – oft unterstützt durch andere Künste – dazu bei, ihn in einem mehr oder minder öffentlichen Rahmen repräsentativ zu gestalten. Sie ist somit nicht-fiktional, im Prinzip datierbar, direkt auf einen konkreten Kreis von Adressaten bezogen und populär vor allem in Kulturen und Gesellschaften, die eine repräsentative Öffentlichkeit kennen, etwa die antiken Stadtkulturen Roms und Athens oder das Leben an einem frühneuzeitlichen Hof.

Die Gestaltung von Casualpoesie ist – der Standardisierung feierlicher Anlässe entsprechend – im allgemeinen stark auf Konventionen der betreffenden Gattungen ausgerichtet, die sich im Hinblick auf die Textproduktion wiederum gerade in Antike und Früher Neuzeit an den Vorgaben aus Topik und Rhetorik orientieren. Solche Dichtung läuft natürlich einem Dichtungskonzept zuwider, das – wie etwa die Erlebnislyrik – vor allem auf den Ausdruck subjektiven Erlebens ausgerichtet ist.

Der gesellschaftlichen Funktion von Gelegenheitslyrik gemäß verbindet sie inhaltlich die Thematisierung und Ausgestaltung des jeweiligen Anlasses mit dem Lob der betreffenden Person bzw. der betreffenden Sache. Insofern ist sie – im konkreten Einzelfall wie generell – kaum von der Panegyrik zu unterscheiden, von Dichtung, Literatur und Texten also, bei denen das Lob einer Person oder Sache im Zentrum der Aussageabsicht steht.

In einem Begräbnisgedicht oder Epitaphion (griech. etwa = bei einer Bestattung) beispielsweise, das anläßlich der Bestattung einer Persönlichkeit geschrieben, vorgetragen und gegebenenfalls auch veröffentlicht wird, werden die Charakteristika des Verstorbenen als Tugenden gelobt, seine Taten gerühmt und sein Tod bedauert. Die Gedichte bei Namenstagen (Onomastikon, griech.: ónoma = Name) oder Geburtstagen (Genethliakon, griech.: genéthlios = geburts-) fügen dem Lob noch entsprechende Glückwünsche hinzu, die auch für das Hochzeitsgedicht (Epithalamion, griech. etwa = bei einer Hochzeit) kennzeichnend sind, das sein Lob aber natürlich auf mehrere Personen zu verteilen hat. Daß die festliche Ausgestaltung solcher und ähnlicher Anlässe bei Hofe oder in einer überschaubaren Stadtkultur nicht auf Literatur oder gar Poesie beschränkt ist, sondern um andere Künste und Kunsthandwerksformen ergänzt werden kann, liegt auf der Hand.

Wie das reine, nicht klar einem konkreten Anlaß zuzuordnende oder zugeordnete Lobgedicht kann auch bei der panegyrischen Gelegenheitsdichtung das Lob hochgestellter Personen verbunden werden mit der Formulierung von Normen, Bitten oder Ansprüchen an die Adresse des Gelobten oder der Festgesellschaft.

Beispiel