Friedrich Gottlieb Klopstocks "Die Frühlingsfeyer", das Gedicht also, auf das Lotte in Goethes "Werther" so enthusiastisch reagierte, ist eine Hymne im charakterisierten Sinne. Das Gedicht, das 1759 entstanden war, trägt seinen bekannten Titel erst seit der Umarbeitung für die Ausgabe der Klopstockschen "Oden" 1771, in der die ursprüngliche Textgestaltung in freien Versen von elaborierter Rhythmik, aber ohne feste Verslänge oder strophische Strukturierung in eine strophische Form umgearbeitet worden ist. Es ist insofern bezeichnend für die Abgrenzungsproblematik von Hymne und Ode. Es ist aber auch enorm einflußreich für die deutschsprachige Hymnendichtung überhaupt, und formal wie inhaltlich paradigmatisch, wird hier doch in feierlich erhabener Sprache, unter Rückgriff auf zahlreiche Texte und Sprachformeln des Alten Testaments und mit hochartifiziellen, aber individuell gestalteten Versen dem enthusiastischen Hochgefühl eines Ich Ausdruck verliehen, das seinen Gott in der Natur immer wieder neu findet und diesen in und mit ihr preist:
Nicht in den Ocean
Der Welten alle
Will ich mich stürzen!
Nicht schweben, wo die ersten Erschafnen,
Wo die Jubelchöre der Söhne des Lichts
Anbeten, tief anbeten,
Und in Entzückung vergehn!Nur um den Tropfen am Eimer,
Um die Erde nur, will ich schweben,
Und anbeten!Halleluja! Halleluja!
Auch der Tropfen am Eimer
Rann aus der Hand des Allmächtigen![...]
Mit tiefer Ehrfurcht,
Schau ich die Schöpfung an!
Denn Du,
Namenlosester, Du!
Erschufst sie!Lüfte, die um mich wehn,
Und süsse Kühlung
Auf mein glühendes Angesicht giessen,
Euch, wunderbare Lüfte,
Sendet der Herr? Der Unendliche?[...]
Siehe, nun kömmt Jehovah nicht mehr im Wetter!
Im stillen, sanften Säuseln
Kömmt Jehovah!
Und unter ihm neigt sich der Bogen des Friedens.