Familie von (lyrischen) Gattungen und Formen: gesungene oder singbare lyrische Gedichte

Das zentrale Merkmal des Liedes bzw. aller Lieder, ihre Singbarkeit, umfaßt insbesondere eine relativ überschaubare metrische Organisation, eine strophische Gliederung und die rhythmische Anlehnung an eine Melodie, so daß das Lied immer auch als ein musikalischer Gegenstand angesehen werden muß.

Die Liedhaftigkeit von Lyrik entspricht ihrem Ursprung in der griechischen Antike, durchzieht aber die Geschichte der Lyrik bis heute und umfaßt so unterschiedliche Gattungen und Formen wie die griechische Chorlyrik und Dithyrambendichtung, die Oden- und Hymnendichtung der Antike und der Neuzeit, den alttestamentarischen Psalm, den christlichen Choral und die weltlichen Volkslieder, Balladen, Chansons, Protest-, Folk- und Pop-Songs.

Dabei kann im Prinzip zwischen individuell gestalteten Kunst- und gleichsam aus der Überlieferungstradition herrührenden Volks-Liedern unterschieden werden. Desgleichen bieten sich inhaltliche Differenzierungen an, so daß man weltliche und geistlich-religiöse Lieder, Trink- und Liebeslieder und dergleichen mehr begrifflich voneinander trennen kann.

Eine eigene Gattungstradition des (neuzeitlichen) Liedes, die sich von benachbarten Gattungen wie Ode/Hymne, Volkslied, Choral usw. abgrenzen läßt, ist möglicherweise (re)konstruierbar. Sie reicht von der humanistischen bzw. Barock-Tradition des festlichen Gelegenheitsliedes über die empfindsamen Lieder des 18. Jahrhunderts und die Rückgriffe der Romantik auf das (mittelalterliche) Volkslied bis zur Lieddichtung des 20. Jahrhunderts. Sie umfaßt somit verschiedene künstlerische, auf Sangbarkeit abzielende lyrische Gedichte und Gedichtkonzeptionen, deren Gattungsidentität natürlich hochproblematisch ist.