Wer kennt nicht das Lied des Mädchens Mignon aus "Wilhelm Meisters Lehrjahren" bzw. seiner "Theatralischen Sendung", mit dem Goethe diese Figur innerhalb des Romans sich selbst und seine Heimat charakterisieren läßt:

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach.
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan? –
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.
In Hoehlen wohnt der Drachen alte Brut.
Es stuerzt der Fels und über ihn die Flut.
Kennst du ihn wohl?
Dahin, dahin
Geht unser Weg.
O Vater, lass uns ziehn!

Im 17. und im beginnenden 18. Jahrhundert lag die ersehnte Heimat des Menschen noch nicht in Italien, sondern in der aus literarischen Traditionen und Konventionen gebildeten Idylle Arkadiens, der Welt der Schäfer und Nymphen, der Freundschaft und der Liebe. Der anakreontische Dichter Johann Peter Uz läßt Mitte des 18. Jahrhunderts in seinem Rollengedicht "Der Schäfer" diesen auftreten, um eine ländliche Idylle und ihre Gestalten noch einmal literarisch zu evozieren, bevor die "traurige Vernunft" erwacht (und die Rolle zu durchbrechen ansetzt):

Arkadien! sei mir gegrüßt!
Du Land beglückter Hirten,
Wo unter unentweihten Myrten
Ein zärtlich Herz allein noch rühmlich ist!

Ich will mit sanftem Hirtenstab
Hier meine Schafe weiden.
Hier, Liebe! schenke mir die Freuden,
Die mir die Stadt, die stolze Stadt nicht gab.

Wie schäfermäßig, wie getreu
Will ich Climenen lieben,
Bis meinen ehrfurchtvollen Trieben,
Ihr Mund erlaubt, daß ich ihr Schäfer sei!

Welch süßem Träume geb ich Raum,
Der mich zum Schäfer machet!
Die traurige Vernunft erwachet:
Das Herz träumt fort und liebet seinen Traum.