Eine (proto-)typische Mauerschau findet sich in den "Phoinikierinnen" des Euripides (um 410 v. Chr.). Antigone und ihr "Erzieher" erklimmen das Hausdach und beobachten die entscheidende Schlacht um ihre Heimatstadt Theben, an der die beiden Brüder Antigones auf den verschiedenen Seiten beteiligt sind. Kein Wunder also, daß sie neugierig alles beobachtet und aufgeregt würdigt. Der Zuschauer bekommt durch diesen dramaturgischen Kniff also nicht nur vermittelt durch die Worte der Beobachter vor dem 'geistigen Auge' zu sehen, was ihm die Bühne der Zeit niemals zeigen könnte, sondern lernt so auch die beteiligten Figuren und ihre Reaktionen besser kennen:
ERZIEHER erscheint auf dem Dach des Palastes; in das Innere des Gebäudes gewandt.
[...]
ANTIGONE aus dem Inneren. Streck hin doch, streck hin deine Greisenhand
der Jungfrau, herab von der Leiter,
hilf meinem Schritte hinauf!
ERZIEHER. Da, Mädchen, faß! Zur rechten Zeit bist du gekommen;
denn in Bewegung setzt sich das Pelasgerheer,
sie ziehen auseinander die Abteilungen.
ANTIGONE tritt auf das Dach. Ehrwürdige Tochter der Leto, Hekate,
vom Erze funkelt das ganze Feld!
ERZIEHER. Jawohl, mit starker Macht rückt Polyneikes an,
umdröhnt von vielen Rossen, ungezählten Waffen.
ANTIGONE. Sind fest die Tore verschlossen die ehernen Riegel
dem steinernen Mauerbau Amphions eingefügt?
ERZIEHER. Getrost! Die Stadt behütet fest ihr Inneres.
Doch auf den ersten schau, willst du ihn kennenlernen!
ANTIGONE. Wer ist denn der mit dem leuchtenden Helmbusch,
der vorn, an der Spitze des Heeres, dahinzieht,
leicht schwingend den ehernen Schild auf der Schulter?
ERZIEHER. Ein Hauptmann, Herrin.
ANTIGONE. Wer ist 's? Und wo stammt er her?
So sag mir, Alter: Welchen Namen trägt er denn?
ERZIEHER. Der stammt, so heißt es, aus Mykenai, und wohnt am
lernaischen Gewässer, Fürst Hippomedon.
ANTIGONE. Ach, ach! Wie stolz, wie furchtbar zu schauen,
dem erdgeborenen Riesen ähnlich,
mit Augen wie Sterne, wie aufgemalt,
so gar nicht entsprechend dem Eintagsgeschlecht!
[...]