In der "Antigone" des Sophokles (442 v. Chr.) wird die eigentliche Dramenhandlung durch einen Botenbericht initiiert: Kreon, der neue Herrscher Thebens nach dem Tod der beiden Prinzen, hat verboten, den 'Vaterlandsverräter' Polyneikes zu bestatten. Der Bote vom Schlachtfeld berichtet aber nun, daß genau dies geschehen ist, versucht die Tat – aus Angst – noch zu verharmlosen, zieht sich aber nur umso mehr den Zorn Kreons zu, der seine eben gewonnene Macht untergraben fühlt, wie sich später herausstellt durch seine Nichte, die Titelheldin:

DER BOTE. Mein König, diesmal plaudr ich nicht, wie mich
Die othemlose Schnelle bring und wie
Sich leicht gehoben mir der Fuß. Denn öfters
Hielt mich die Sorg und wendet auf dem Wege
Mich um zur Rückkehr. Denn die Seele sang
Mir träumend viel. Wo gehst du hin, du Armer!
Wohin gelangt, gibst du die Rechenschaft?
Bleibst du zurück, Unglücklicher? so aber
Wird Kreon es von einem andern hören.
Wie kümmerst du deswegen denn dich nicht?
Derlei bedenkend, ging ich müßig langsam,
Und so wird auch ein kurzer Weg zum weiten.
Zuletzt hat freilich dies gesiegt, ich soll
Hieher, und wenn mein Sagen auch für nichts ist,
So sprech ich doch. Denn in der Hoffnung komm ich,
Es folge nur, dem, was ich tat, was not ist.
KREON. Was gibt 's, warum du so kleinmütig kommest?
DER BOTE. Ich will dir alles nennen, was an mir ist,
Denn nicht getan hab ich 's; weiß auch nicht, wer es tat.
Und nicht mit Recht würd ich in Strafe fallen.
KREON. Du siehst dich wohl für. Hüllest ringsherum
Die Tat und scheinst zu deuten auf ein Neues.
DER BOTE. Gewaltiges macht nämlich auch viel Mühe.
KREON. So sag es itzt, und gehe wieder weiter!
DER BOTE. Ich sag es dir. Es hat den Toten eben
Begraben eines, das entkam, die Haut zweimal
Mit Staub bestreut und, wie 's geziemt, gefeiert.
KREON. Was meinst du? wer hat dies sich unterfangen?
DER BOTE. Undenklich. Nirgend war von einem Karst
Ein Schlag; und nicht der Stoß von einer Schaufel,
Und dicht das Land; der Boden ungegraben;
Von Rädern nicht befahren. Zeichenlos war
Der Meister, und wie das der erste Tagesblick
Anzeigte, kam 's unhold uns all an, wie ein Wunder.
Nichts Feierlichs. Es war kein Grabmal nicht.
Nur zarter Staub, wie wenn man das Verbot
Gescheut.
[...]