idealtypische dramatische Bauform (versus offene Form): dramatische Präsentation eines in sich geschlossenen, also ganzen Handlungszusammenhangs aus strikt aufeinander bezogenen Elementen als exemplarisches Geschehen
Die geschlossene Bauform des Dramas besteht im wesentlichen in der Realisierung der drei Einheiten des Dramas, insbesondere der Einheit der Handlung und dabei wiederum im Aspekt der Geschlossenheit der Handlung: Die Handlung des Dramas der geschlossenen Form ist also ganz und geschlossen in dem Sinne, daß sie einen erkennbaren Anfang hat, mit dem sie einsetzt, und ein entsprechend gestaltetes Ende, dem nichts mehr folgt. Sie ist üblicherweise einsträngig, auf das Ende (als Ziel) hin ausgerichtet und als kausale, von den unterschiedlichen Interessen und Zielen der Akteure abhängige Abfolge von Handlungen und Geschehnissen aufgebaut, die sich möglichst an einem Ort und innerhalb eines begrenzten Zeitraums abspielen.
Diese Gesamthandlung weist zudem idealerweise einen symmetrischen Aufbau auf, der einen mit der Exposition einsetzenden Handlungsbeginn und eine Intensivierung bzw. Steigerung der Handlung umfaßt, die sich zu einem Höhepunkt hin entwickelt, an dem die Handlung in einer Peripetie umschlägt und sich womöglich mit zusätzlichen Verwicklungen und Verzögerungen ihrem Ende entgegenneigt, einer Katastrophe in der Tragödie, einem guten Ende in der Komödie. Diese Geschlossenheit des Aufbaus unterstreicht somit die Rede von den 'Bau'-Formen und -Elementen.
Insofern stellt die Handlung des Dramas der geschlossenen Form ein in sich abgeschlossenes Ganzes dar, das gleichwohl nur einen 'Ausschnitt' der Welt (insgesamt) umfaßt, der durch diese Darstellung jedoch repräsentativ (für die dargestellte Welt bzw. die Auffassung von ihr) wird. Insofern korrespondiert die geschlossene Dramenform einem geschlossenen Weltbild.
Als Idealtypus ist die geschlossene Form des Dramas sicherlich nur selten in allen ihren Aspekten vollgültig realisiert. Mit Sicherheit ist sie jedoch vor allem in der traditionellen, auf die Vorbilder der griechischen und römischen Antike und ihrer Poetik bezogenen Dramatik, die in der Neuzeit bis weit ins 18. Jahrhundert hinein dominierte, bevorzugt verwirklicht.
Dieser 'klassischen' oder 'klassizistischen' Dramen-Poetik in ihrer historischen Ausprägung entsprechen einige weitere, zweitrangige Merkmale, die man zuweilen mit dem Drama der geschlossenen Form verbindet. So führt die in der Frühen Neuzeit übliche Akteinteilung etwa dazu, den symmetrischen Handlungsaufbau auf ein drei- oder fünfaktiges Schema zu beziehen oder die damals und in der Antike übliche gehobene Verssprache als typisch auch für die geschlossene Form anzusehen.
Diese 'klassizistische', einem geschlossenen Weltbild korrespondierende Dramen-Poetik verliert spätestens mit dem Sturm und Drang (in Deutschland) jedoch ihre universale Gültigkeit. Diesem historischen Wandlungsprozeß entspricht somit auch die Durchsetzung eines neuen, von der geschlossenen Form mehr oder minder bewußt abweichenden Formtyps, des Dramas der offenen Form nämlich, das in grundsätzlicher Opposition zum Drama der geschlossenen Form steht.