Mit Ausnahme der symmetrischen Aufteilung der fünf Akte, die vor allem in der 'klassizistischen' Regelpoetik der französischen Klassik ihre absolute Gültigkeit beanspruchte, erfüllt die Tragödie "König Ödipus" (wohl 425 v. Chr.) von Sophokles geradezu vorbildlich die Anforderungen an ein Drama (bzw. eine Tragödie) der geschlossenen Form:
Die Handlung ist einsträngig, zielorientiert, kausal und vor allem in sich geschlossen. Sie findet zudem an einem einzigen Schauplatz und innerhalb weniger Stunden statt: Ödipus will die vom Unglück heimgesuchte Stadt Theben, die er regiert, retten, indem er den Mörder seines Vorgängers ausfindig macht: Die Handlung hat begonnen die Untersuchung des 'Falls' und die hoffentlich daraus resultierende Rettung der Stadt. Er zieht Erkundigungen ein, er stellt Fragen, in deren Verlauf das Unglaubliche zwar schon angesprochen wird, aber noch nicht glaubhaft ist: Daß nämlich er selbst der gesuchte Mörder ist. Die Indizien kommen zwar langsam ans Licht, überbracht von Boten, Zeugen und Orakelkundigen, sie weisen jedoch zunehmend darauf hin, daß Ödipus gerade nicht als Täter in Frage kommt. Dies ändert sich schlagartig, als schon nach der Mitte des Stücks allerdings klar wird, daß Ödipus nicht der ist, für den er sich hielt. Auf diesem neuen Informationsstand zeigen die Indizien plötzlich in eine ganz andere Richtung: auf Ödipus, den Inquisitor, als gesuchten Täter. Seine Frau und Mutter Iokaste bringt sich um, er selbst blendet sich und verläßt die Stadt.
Hier wird also nur ein Handlungsstrang verfolgt, der wie im analytischen Drama üblich die Vorgeschichte aufrollt und am Ende zu Konsequenzen in der Handlungsgegenwart führt. Dieser eine Handlungsstrang wird zu Beginn der Dramenhandlung motiviert und ausgelöst: durch die Not der Stadt. Er erfährt einen entscheidenden Höhe- und Wendepunkt, als Ödipus, die übrigen Dramenfiguren und das Publikum endlich seine wahre Identität erkennen. Und er hat einen Abschluß, der keine Fragen mehr offen läßt, im Selbstmord Iokastes und der Selbstblendung Ödipus, der zudem den Ort seines Schicksal, das sich nunmehr erfüllt hat, verläßt. Zudem ist diese Entwicklung so zustandegekommen, daß die einzelnen Handlungs- oder besser: Kenntnisstufen kausal auseinander hervorgehen, indem Ödipus ausgehend von vorliegenden Informationen immer weitere Fragen stellt, neue Antworten erhält usw.
So bildet die Handlung dieser Tragödie ein in sich geschlossenes Ganzes, dem nicht zuletzt durch das tragische und in göttlicher Vorsehung vorweggenommene Ende ein geschlossenes, vom Walten göttlicher Kräfte durchzogenes Weltbild unterliegt.
Als reines Fragegeschehen ist es zudem leicht, die gesamte Handlung auf einen Ort und einen eng begrenzten Zeitraum zu konzentrieren. Die Boten, Zeugen und Berichterstatter müssen nur zur rechten Zeit zur Verfügung stehen.
Daß die Tragödie zudem wie es die Konventionen der attischen Tragödie vorsahen in reglementierten und ansprechenden Sprech- (und Sing-)Versen realisiert ist, ist selbstverständlich.