idealtypische dramatische Bauform (versus geschlossene Form): dramatische Präsentation eines unabgeschlossenen Geschehens in nicht wesentlich miteinander verknüpften Einzelsequenzen, die keinen Gesamtzusammenhang bilden

Die offene Bauform des Dramas besteht im wesentlichen in der Aufkündigung der Gültigkeit bzw. der bewußten Durchbrechung der Doktrin von den drei Einheiten, insbesondere der Einheit der Handlung – und dabei wiederum des zentralen Aspekts der Geschlossenheit der Handlung. Sie steht insofern der geschlossenen Form diametral gegenüber.

Die Handlung (bzw. das Geschehen) des Dramas der offenen Form ist also gerade nicht geschlossen, sondern offen in dem Sinne, daß sie keinen eindeutig erkennbaren Anfangspunkt hat, vor allem aber ein offenes Ende, das keinen echten Abschluß der Dramenhandlung bietet und zahlreiche Fragen offen läßt, auch die nach der Bewertung dieses 'Endes'. Sie ist darüber hinaus nicht auf einen einzigen Haupthandlungsstrang verpflichtet, womöglich sind einzelne Handlungsstränge gar nicht zu identifizieren. Die einzelnen Handlungs- oder Geschehenssequenzen sind nicht kausal miteinander verknüpft, sondern als beliebig erscheinende und vertauschbare Reihe 'aufgebaut', die folglich weder Höhe-, Wende- oder Zielpunkte kennt. Diese Offenheit entspricht also dem 'Bau'-Prinzip der Reihung mit iterier- und vertauschbaren Einzelelementen. Dem korrespondiert eine Viel- oder Mehrzahl von Schauplätzen des Geschehens und die Möglichkeit, diese über eine größere Zeitspanne hinweg zu verteilen.

Im Gegensatz zum Drama der geschlossenen Form, das auf ein funktionales und kausales Netz zwischen den einzelnen Handlungselementen und -trägern ausgerichtet ist, betont das Drama der offenen Form die jeweiligen Situationen und Bedingungen der einzelnen Geschehenssequenzen und Figuren. Diese erscheinen somit eher als passiv-reaktive Spielbälle der sie bedingenden Umstände denn als autonom handelnde Figuren (wie die 'Helden' des Dramas der geschlossenen Form). Diese (etwa sozialen) Umstände sind somit das eigentliche Darstellungsobjekt solcher Dramatik.

Insofern stellt die Handlung (bzw. das Geschehen) des Dramas der offenen Form kein (repräsentatives) Ganzes dar, sondern eine beliebige (bzw. so erscheinende) Menge von 'Ausschnitten' eines noch offenen 'Ganzen' der Welt. Insofern korrespondiert die offene Dramenform keinem geschlossenen Weltbild mehr.

Als Idealtypus ist die offene Form des Dramas sicherlich nur selten in allen ihren Aspekten vollgültig realisiert. Mit Sicherheit dominiert sie jedoch in der Dramatik seit und nach dem Sturm und Drang bzw. der europäischen Romantik, in der sich die Literatur bewußt von der klassizistischen (Dramen-)Poetik löste, deren Regeln man zum Teil absichtlich unterlief.

Weitere Merkmale des Dramas der offenen Form unterstützen sein Darstellungsziel, etwa der Verzicht auf das hergebrachte (Fünf-)Akt-Schema zugunsten einer Reihung einzelner Szenen, die der Reihung einzelner Geschehenssequenzen entspricht, oder die Einführung von Prosa – oder gar 'authentischer' mündlicher (etwa Dialekt-)Rede – für die Figurenrede.

Beispiel