J.M.R. Lenz' bezeichnenderweise nicht mehr als Komödie oder Tragödie klassifizierbares Stück "Die Soldaten" (1776) mag als Beispiel für das Drama der offenen Form dienen, unterläuft der Autor mit diesem Stück doch offensichtlich bewußt eine ganze Reihe von Anforderungen, die man zu seiner Zeit an das Drama (der geschlossenen Form) richtete:
Das Thema des Stücks ist ein zeitgenössischer Mißstand und seine negativen Auswirkungen: Soldaten und Offiziere waren im 18. Jahrhundert zur Ehelosigkeit verpflichtet. Ließen sich Frauen dennoch mit ihnen ein, drohte ihnen nicht nur die Zerstörung ihres Rufs, sondern auch ihrer Existenz. Genau dies geschieht der Bürgerstochter Marie, die vom Offizier Desportes verführt und danach natürlich prompt im Stich gelassen wird.
Diese Handlung wird aber nicht als repräsentativer Konflikt zwischen Marie (oder ihrem Vater) und dem Offizier präsentiert (und damit als geschlossene Handlung), sondern wird erweitert um zahlreiche, über einige Jahre verteilte Handlungssequenzen, die in keinem kausalen Zusammenhang mit der Zentralhandlung, wohl aber in einem thematischen Zusammenhang mit dem Thema stehen. Diese werden in vielen, oft extrem kurzen Szenen aneinandergereiht. Sie spielen an den unterschiedlichsten Orten und Schauplätzen. Somit steuert die Handlung nicht auf ein erkennbares Ende oder gar Ziel hin, bis zuletzt ist es vor allem der 'Zufall', der die Handlung führt. Somit erscheinen die beteiligten Figuren, insbesondere natürlich Marie, als Spielbälle der soziokulturellen Umstände. Das Ende des Handlungsstrangs um Marie (die nach ihrem 'Fall' zufällig ihrem Vater wieder begegnet), dem zudem eine weitere, damit nicht verbundene Szene folgt, ist offen in dem Sinne, daß verschiedene weitere Lebensverläufe denkbar sind.