Die Tragödie "König Ödipus" (wohl 425 v. Chr.) von Sophokles ist nicht nur das bekannteste, sondern auch das älteste (erhaltene) analytische Drama der Weltliteratur, das folglich als Prototyp dieser eigenwilligen Bauform anzusehen ist.
Das Enthüllungsgeschehen dieses Dramas, also die (fiktive) Gegenwart erfüllt paradigmatisch die Anforderungen der drei Einheiten und der geschlossenen Form. Dies ist sicherlich kein Zufall (und auch bezeichnend für andere analytische Dramen), aber begrifflich doch davon zu unterscheiden.
Ödipus will die vom Unglück heimgesuchte Stadt Theben, die er regiert, retten, indem er den Mörder seines Vorgängers ausfindig macht: Die Handlung hat begonnen die Untersuchung des 'Falls' und die hoffentlich daraus resultierende Rettung der Stadt. Im Verlauf der Ermittlungen erweist es sich, daß er selbst, der Ermittler, der gesuchte Mörder (und der Gatte seiner Mutter) ist. Er zieht die Konsequenz, blendet sich und geht ins Exil.
Das Ermittlungsgeschehen mit seinem überraschenden und schockierenden Ergebnis wird also in der Gegenwart ausgelöst. Es vollzieht sich als kumulierende Einholung von Informationen, die somit ein immer deutlicheres Bild von der Vergangenheit entwerfen. Sobald dieses Bild vollständig, das Ermittlungsgeschehen also abgeschlossen ist, wirkt sich diese Vergangenheit bzw. genauer: die neue Kenntnis von ihr existentiell und in diesem Fall: tragisch bedrohlich auf die Hauptfigur Ödipus aus.