dramatische Gattung: Tragödie mit einem Personal, einer Konfliktstruktur und einer Handlung, die geprägt sind von der Privatheit und der Moral der bürgerlichen Welt des 18. Jahrhunderts
Das Bürgerliche Trauerspiel, das im England und Deutschland der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelt worden ist, beerbt die bis dato die Tragödie dominierende, auf ein adliges Personal und entsprechende öffentlich-politische Handlungen festgelegte heroische Tragödie, indem es erstmals auch (aber nicht nur) bürgerliche Personen zuläßt, vor allem aber, indem es private, von bürgerlicher Moral und individuellen Anschauungen, Vorlieben, Zielen usw. geprägte Charaktere, Konflikte und Handlungen tragik-fähig macht. Dies entspricht der Emanzipation des Bürgertums im 18. Jahrhundert.
Diese schließt jedoch, gerade in Deutschland, politische Verantwortung und Macht aus, so daß der Standeskonflikt zwischen Adel und Bürgertum zum zentralen Thema des Bürgerlichen Trauerspiels wird, so daß die Macht des Adels der privaten Moralität des Bürgertums gegenübersteht.
Das Bürgerliche Trauerspiel thematisiert also anders als die vorausgegangenen Tragödien der Neuzeit auch gesellschaftliche Problemkonstellationen und Lebensbedingungen.
Im Zentrum der Handlung, die im allgemeinen der geschlossenen Form entspricht, stehen Individuen mit psychologisch ausgestalteten Charakteren, subjektiven Zielvorstellungen, Emotionen (insbesondere empfindsame Liebe und Freundschaft) und zum Teil rigiden moralischen Ansprüchen. Diese werden auch durch ihre individuelle Figurenrede, die sich zudem (innovativ) der Prosa bedienen kann, charakterisiert. Sie sind verstrickt in ein Handlungsgefüge, das ausschließlich auf den Beziehungen zwischen den Figuren beruht. Im Verlauf dieser geschlossenen Handlung kommt es zu Konflikten zwischen einzelnen Figuren, die auf ihre unterschiedlichen Ziele, Gefühle und Moralvorstellungen zurückzuführen sind, an deren Ende der tragische Untergang oder Tod der (die Sympathie des Publikums tragenden) Hauptfigur steht. Diese erregt somit nicht nur das Mitleid des Publikums, sondern verweist durch ihr Scheitern auch auf die für dieses Scheitern verantwortlichen Bedingungen.