In G.E. Lessings Bürgerlichem Trauerspiel in Prosa "Emilia Galotti", das – wohl auch als Reflex auf die römische Virginia-Legende – in Italien spielt, ist der Konflikt zwischen moralisch integrem, tugendhaftem Bürgertum hier und verderbtem Adel dort besonders stark ausgeprägt.

Die Handlung, die sich an einem Tag, aber an mehreren Schauplätzen abspielt, führt genau aus diesem Konflikt heraus zu ihrem tragischen Ende, das in der Tötung der Titelheldin durch ihren eigenen Vater Odoardo besteht. Dieser abstrakte Gegensatz wird jedoch in einen konkreten Konflikt um widerstrebende Gefühle und Ansprüche überführt, in dem vor allem die engen emotionalen Bande der bürgerlichen Familie zum Ausdruck kommen.

Emilia ist ebenso tugendsam wie verliebt in den Grafen Appiani. Am Tag der Hochzeit wird sie aber entführt von dem launenhaften Prinzen des Fürstentums, der sich ebenfalls in die schöne Emilia verliebt hat (und deshalb seine Geliebte Orsina verläßt). Er läßt sie entführen (wobei Appiani umkommt) und nähert sich ihr. Sie befürchtet offensichtlich, dem Charme des Bösewichts zu erliegen, und bittet den Vater, der hinzugekommen ist, ihr ein Messer zu überlassen, um sich umzubringen und so der Schande einer Affäre zu entgehen. Odoardo jedoch, der seine Tochter über alles liebt, ersticht sie selbst, um ihre Tugend und Ehre zu retten.

Durch dieses Ende kommen nicht nur die moralischen Mängel zur Sprache, die man dem selbstherrlichen Adel gerne unterstellte, sondern auch die Probleme der bürgerlichen Ideologie der Zeit in ihrer Verbindung hoher moralischer und emotionaler Ansprüche.