Ausprägung moderner Dramatik: auf objektivierende und kritische Distanz des Publikums zum Dramengeschehen und insofern dessen Belehrung abzielende theatrale Präsentation und Organisation des Dramengeschehens

Der Ausdruck 'episches Theater' wird üblicherweise nicht im Sinne einer allgemeinen Verbindung der Naturformen Epik und Dramatik verwendet, sondern für eine bestimmte, vor allem mit dem Namen Bertolt Brecht verbundene Dramen-Poetik und ihre Umsetzung.

Diese ist begründet im Marxismus und zielt mit ihm auf kritische Aufklärung und Belehrung des Publikums über die (gesellschaftlichen) Verhältnisse ab, was letztlich zur Veränderung dieser Verhältnisse (im Sinne des Sozialismus) führen soll. Deshalb wendet sich das epische Theater in erster Linie gegen einen zentralen Aspekt der Dramentradition, die (tragische) Wirkungsästhetik, die das Drama darauf hinwirken läßt, beim Publikum – dessen einfühlende Identifikation mit dem Geschehen (bzw. den Akteuren) vorausgesetzt – Emotionen (Sympathie, Angst, Mitleid usw.) auszulösen. Denn nur so kann dem Publikum ein kritischer und auch die objektiven (gesellschaftlichen) Bedingungen des Dramengeschehens einschließender Blick auf dieses Geschehen ermöglicht werden. Dieses ist wiederum als exemplarische (bzw. parabolische) Darstellung realer Verhältnisse angelegt, die freilich – so die Ausgangsposition – als veränderbar zu gelten haben bzw. verändert werden sollen.

Das epische Theater ist demzufolge darauf aus, diese einfühlende Identifikation zu unterlaufen und durch eine objektive und kritische Distanz des Publikums zum Dramengeschehen zu ersetzen. Dabei setzt es vor allem auf Momente der objektivierenden Vermittlung (was den Namen 'episch' erklärt), die somit der unmittelbaren Gegenwärtigkeit des Theaters entgegenstehen, aber gleichwohl auf dieser basieren.

Denn realisiert wird diese Vermittlung durch unmittelbar gegenwärtige Momente der Bühnenpräsentation des Geschehens, die allesamt darauf abzielen, die Fiktionalität des Geschehens zu betonen, seinen inneren Zusammenhang und seine 'Natürlichkeit' oder 'Zwangsläufigkeit' zu durchbrechen und ihm so seine illusionäre Wirkung zu nehmen. Sie zielen also auf eine 'Verfremdung' des Dramengeschehens ab – und heißen dementsprechend Verfremdungs- oder kurz: V-Effekte.

So wird etwa das auf der Bühne zu Sehende unterbrochen durch und erweitert um erkennbar fremde Elemente im Bühnenbild, durch Filmsequenzen, durch Anzeigentafeln, durch den Auftritt von Ansagern, Erzählern oder Moderatoren, durch das (von Instrumenten begleitete) Singen von Liedern (bzw. 'Songs'), durch sprachliche Verfremdungen (etwa Anachronismen) usw. Dies ist zum Teil explizit, zum Teil prinzipiell in den Text- oder Arbeitsfassungen der Stücke vorgesehen. Ersteres gilt natürlich besonders für alle Textelemente. Hinzu kommt eine spezifische Anforderung an die Schauspieler, die erkennbar nicht mit ihrer Rolle übereinstimmen und so den Kontrast zwischen Schauspieler und Rolle deutlich machen sollen. Dementsprechend können sie – ebenfalls ein V-Effekt – prinzipiell aus ihrer jeweiligen Rolle heraustreten.

Beispiel