Klasse(n) der Dramatik: (bewußte) Verbindung von spezifischen Elementen (insbesondere der Handlung) von Tragödie und Komödie

Die traditionellen, auf antike Vorbilder und Poetiken bezogenen Tragödien und Komödien schließen sich üblicherweise durch Unterschiede bei den dramatischen Handlungen (insbesondere Handlungsabschlüssen und typischen Szenen), beim Personal, dessen Sprachebene und anderen Modi der dramatisch-theatralen Darstellung gegenseitig aus. Dennoch kam es im Verlauf der Geschichte der Dramatik schon vor der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (d.h. unter der weitgehenden Gültigkeit der Normativität der geschlossenen Form) mitunter zur Vermischung der Elemente, also zu komischen Figuren in Tragödien, zu Enden, die nicht eindeutig als gut oder schlimm bewertet werden konnten und dergleichen mehr. Im nachhinein kann man diese (nicht seltenen) Ausnahmen somit einem (ahistorischen) Begriff von Tragikomödie zuordnen.

Das bewußte Konzipieren und Realisieren von Hybriden aus Tragödie und Komödie setzt jedoch im Prinzip erst mit dem Sturm und Drang und der Romantik ein – und ist insofern eng mit der Möglichkeit dramatischer Handlung in einer offenen Dramenform verbunden. Diese läßt einen offenen und damit kaum mehr als gut oder schlimm bewertbaren Schluß der Dramenhandlung zu, so daß diese kaum mehr der Tragödie bzw. Komödie eindeutig zuzuordnen ist. Zudem haben sich zwischenzeitlich auch zahlreiche Normen der Sprachebene, der Figuren und der Darstellungsmodi relativiert, so daß Tragödie und Komödie auch in diesen Hinsichten kaum mehr zu unterscheiden sind.

Unter diesen Voraussetzungen kann als Tragikomödie insbesondere diejenige (moderne) Dramatik gelten, deren dramatische Handlung insgesamt oder deren überwiegende Teile als tragisch und komisch zugleich anzusehen sind; dies umso deutlicher, wenn sie (sprachlich und dramatisch) auch dementsprechend präsentiert werden.

Diese Verbindung von Tragik und Komik gleicht insofern dem ähnlich komplexen Wirkungspotential der Groteske und beruht im wesentlichen auf dem modernespezifischen Verlust einer universal gültigen Sinngebung (religiös und/oder philosophisch), die einem Pluralismus von Wert- und Ordnungsangeboten gewichen ist und typisch moderne Phänomene wie die Selbstentfremdung des Subjekts, eine universale Skepsis gegenüber der Sprache und dergleichen mehr nach sich zieht. Insofern erscheinen die Tragikomödien des Sturm und Drang, der Goethezeit, des 19. Jahrhunderts, des Expressionismus und vor allem die der Nachkriegszeit als geeignete Ausdrucksmodi dieser Grunderfahrungen des modernen Menschen, der einer Welt ausgesetzt ist, die ihn ständig mit Erfahrungen konfrontiert, die tragisch und komisch zugleich sind.

Beispiel